Wie Ekrem Engizek mit einem kompromisslosen Gefängnisdrama, einer deutlichen Präventionsbotschaft und einem großen Deutschrap-Soundtrack die Grenzen des deutschen Genrekinos verschieben will.
„Wenn das letzte Gute in dir stirbt und wenn du selbst zu dem wirst, was du einst gefürchtet hast, dann bist du tot… doch wiedererweckt aus der Hölle.“
Ein Film, der nicht um Erlaubnis bittet
Wer die deutsche Filmbranche kennt, weiß, wie häufig Projekte durch lange Entwicklungsphasen, Fördergremien, Finanzierungsfragen und die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner geprägt werden. Aus Ideen werden Anträge, aus Ecken und Kanten mitunter glatte Kompromisse. Und während sich die Branche mit ihren Strukturen, Krisen und Risiken auseinandersetzt, entsteht leicht der Eindruck, dass gerade jene Vorhaben besonders schwer zu verwirklichen sind, die sich nicht in vertraute Formen einpassen lassen.
Umso bemerkenswerter ist ein Film, der mit einem anderen Anspruch antritt.
HAPS – Crime Doesn’t Pay, inszeniert von Ekrem Engizek, will keine sterile Hochglanz-Fiktion sein. Das Projekt setzt auf Härte, Nähe und eine Atmosphäre, die sich nicht bequem auf Distanz halten lässt. Es will zeigen, wie schnell Entscheidungen eine Eigendynamik entwickeln können – und wie eng der Weg von vermeintlicher Kontrolle zu vollständigem Kontrollverlust sein kann.
Der besondere Reiz liegt dabei nicht allein im fertigen Film.
Es ist auch der Weg dorthin: Engizek hat das Projekt nach den vorliegenden Angaben unabhängig und ohne klassische Filmfördergelder auf den Weg gebracht, erhebliche eigene Ressourcen eingesetzt und die Produktion bis in den Eigenverleih hinein selbst vorangetrieben.
Ein solches Vorhaben verlangt nicht nur eine klare künstlerische Vorstellung, sondern auch unternehmerischen Mut, Ausdauer und die Bereitschaft, ein beträchtliches Risiko selbst zu tragen.Gerade deshalb ist HAPS mehr als ein weiterer deutscher Genrebeitrag. Der Film steht für den Versuch, eine persönliche Vision nicht so lange zu glätten, bis sie niemanden mehr irritiert. Er setzt auf eine unmittelbare Sprache und auf eine Erzählweise, die ihr Publikum nicht mit beruhigender Distanz entlässt. Ob man jede dramaturgische Entscheidung teilt, ist dabei eine andere Frage als die Anerkennung für den Mut, ein solches Projekt überhaupt konsequent umzusetzen.
Rohe Knast-Realität statt Hochglanz
HAPS führt in die Welt des geschlossenen Vollzugs und in ein Milieu, dessen Regeln sich von außen nur schwer erfassen lassen. Die Enge der Zellen, die ständigen Abläufe, der Druck zwischen den Insassen und die psychologischen Mechanismen des Alltags bilden den Kern einer Erzählung, die Kriminalität nicht als glamouröses Abenteuer inszenieren möchte.
Hier geht es nicht um die romantische Pose des Gesetzlosen, sondern um die Folgen von Entscheidungen – um Abhängigkeiten, Demütigung, Isolation und den Verlust von Freiheit.
Besonders eindrücklich wirkt die Detailgenauigkeit, die sich in Sprache und kleinen Abläufen zeigt. Begriffe aus dem Gefängnisjargon, interne Routinen und die scheinbar nebensächlichen Dinge, die hinter Gittern eine ganz eigene Bedeutung bekommen, tragen zur Glaubwürdigkeit bei.
Wenn Tabak zur begehrten Ware wird und ein „Koffer“ als Bezeichnung beziehungsweise Maßeinheit im Zusammenhang mit Tabak auftaucht, dann wird sichtbar, wie sich Wert und Alltag unter den Bedingungen des Vollzugs verschieben. Was draußen banal erscheint, kann drinnen zur Währung, zum Tauschmittel oder zum Anlass für Konflikte werden.Diese Genauigkeit ist kein bloßes Dekor. Sie hilft dabei, eine Welt zu vermitteln, in der jede Geste gelesen, jede Schwäche ausgenutzt und jede Abweichung von den unausgesprochenen Regeln Folgen haben kann.
Der Film macht den psychologischen Druck greifbar: die Angst vor dem Einschluss, das Wissen um verloreneZeit, die Unsicherheit darüber, was draußen mit Familie, Partnerschaft und Geschäften geschieht. Mit dem Schließen der Zellentür verschwindet nicht nur Bewegungsfreiheit. Auch das Gefühl, das eigene Leben noch steuern zu können, gerät ins Wanken.
Die Recherche hinter dem Drehbuch soll sich über Jahre erstreckt haben. Ekrem Engizek beschäftigte sich intensiv mit realen Hintergründen, dem Milieu und den Mechanismen von Kriminalität und Justizvollzug. Das Skript sei nicht am Reißbrett einer öffentlich geförderten Redaktion entstanden, sondern aus dem Drang heraus, eine Geschichte zu erzählen, die wehtut und nah an der Realität bleibt. Dass sich viele Details für Zuschauerinnen und Zuschauer mit Branchen- oder Milieukenntnis stimmig anfühlen, ist ein Hinweis darauf, wie wichtig solche Vorarbeit für die Wirkung des Films ist.
Natürlich nimmt auch ein kompromissloser Film dramaturgische Freiheiten in Anspruch.
Die von manchen als überzogen empfundene Zuspitzung mit den Ratten mag stärker in Richtung Thriller und Schockmoment weisen als in Richtung nüchterner Alltagsbeobachtung. Doch dieser Einwand ändert nichts daran, dass die übrigen Milieudetails und die Atmosphäre als bewusst gesetzte Stärke wahrgenommen werden können. Entscheidend ist, dass HAPS die Härte nicht einfach als Attraktion ausstellt, sondern sie mit den Konsequenzen krimineller Entscheidungen verbindet.
Alexander Rothstein: Wenn aus einer Entscheidung eine Abwärtsspirale wird
Im Zentrum der Geschichte steht Alexander Rothstein, ein Identifikationspunkt, der gerade deshalb funktioniert, weil er nicht als unnahbare Ausnahmefigur angelegt ist. Er erscheint zunächst als ein scheinbar normaler Mensch. Doch eine fatale Kettenreaktion führt dazu, dass nach und nach das verloren geht, was sein Leben ausgemacht hat. Aus einzelnen Entscheidungen wird ein Weg, dessen Ende er nicht mehr selbst bestimmen kann.
Diese Entwicklung greift das Motiv des einleitenden Zitats auf: Man kann so lange gegen etwas ankämpfen, bis man beginnt, selbst dessen Züge anzunehmen. Der Mensch, der sich einst vor einer bestimmten Art von Gewalt, Kälte oder moralischer Verrohung gefürchtet hat, findet sich plötzlich in einer Welt wieder, in der genau diese Eigenschaften zum Schutzschild werden.
Das symbolische Sterben der alten Identität ist dabei kein heroischer Neubeginn. Es ist ein Verlust – und die Wiederkehr aus der „Hölle“ bedeutet nicht automatisch Erlösung.
Die Gefängniswelt verschärft diesen Prozess. Der Alltag folgt eigenen Regeln, und wer sich darin behaupten will, muss lernen, Zeichen zu deuten, Grenzen einzuhalten oder sie bewusst zu überschreiten. Loyalität ist brüchig, vermeintliche Freundschaften können sich als Zweckbündnisse entpuppen, und draußen geht das Leben weiter, ohne auf den Menschen hinter Gittern zu warten. Partnerschaften verändern sich, Familien tragen die Folgen mit, und finanzielle oder soziale Verbindungen können zerfallen.
Gerade diese Verknüpfung von innerem Zerfall und äußeren Konsequenzen macht den Film für einePräventionsbotschaft anschlussfähig. Kriminalität erscheint nicht als schneller Weg zu Geld, Status oder Macht, sondern als Eintritt in eine Abwärtsspirale, in der die Kontrolle immer weiter schwindet. Der vermeintlich kurze Weg zum Vorteil kann zu Isolation, Misstrauen, Freiheitsverlust und einem Leben führen, das von anderen bestimmt wird.
Crime Doesn’t Pay: Prävention ohne erhobenen Zeigefinger
Die begleitende Kampagne „Crime Doesn’t Pay“ setzt auf einen direkten Bezug zur Lebenswelt von Jugendlichen. Ihr Ansatz ist nicht, mit einem moralischen Zeigefinger von außen zu belehren. Stattdessen soll der Film die vermeintliche Attraktivität krimineller Abkürzungen entzaubern, indem er ihre Konsequenzen drastisch und unmittelbar vor Augen führt.
Schnelles Geld, kleine Deals oder Geschäfte im Darknet können zunächst wie kontrollierbare Risiken erscheinen. HAPS erzählt dagegen von den Kettenreaktionen, die daraus entstehen können: Kontrollverlust, soziale Isolation, zerstörtes Vertrauen und der Verlust von Familie und Freiheit.
Die Präventionsidee besteht darin, nicht nur über Regeln zu sprechen, sondern über die Mechanismen, die Menschen in problematische Situationen bringen. Gruppendruck, das Bedürfnis nach Anerkennung, Loyalität gegenüber der falschen Clique oder der Wunsch, finanzielle Schwierigkeiten schnell zu lösen, können Entscheidungen begünstigen, deren Folgen weit über den ursprünglichen Anlass hinausreichen.
Ein Film kann diese Zusammenhänge nicht allein lösen.
Er kann aber einen Gesprächsanlass schaffen – besonders dann, wenn er nicht vorgibt, dass Lebenswege einfach und Entscheidungen immer eindeutig sind.Nach den vorliegenden Informationen wurde das Projekt durch Kooperationen mit Bildungsträgern und Vereinen wie Sichtweisen e. V. für schulische und außerschulische Projektwochen sowie Diskussionsrunden aufbereitet.
Die Idee: Jugendliche sollen nach dem Screening nicht einfach mit einer fertigen Moral nach Hause gehen, sondern die Möglichkeit bekommen, über Gruppenzwang, Kriminalisierung, Verantwortung und mögliche Auswege zu sprechen.
Der Film wird damit zum Ausgangspunkt eines Gesprächs über reale Lebensbedingungen und die Frage, an welcher Stelle Unterstützung oder ein anderer Entschluss eine Entwicklung verändern könnte.
Engizek hat in Interviews wiederholt betont, dass er die Konsequenzen von Fehlentscheidungen greifbar machen wolle, ohne das Milieu zu verherrlichen. Alexander Rothstein verkörpert dabei den Gedanken, dass der Absturz nicht zwangsläufig mit einer Figur beginnt, die sich selbst bereits als Verbrecher versteht. Gerade der vermeintlich normale Ausgangspunkt macht die Warnung verständlich: Niemand muss sich von Anfang an am Ende einer solchen Geschichte sehen, um Schritt für Schritt in sie hineinzurutschen.
Prävention gewinnt an Glaubwürdigkeit, wenn sie die Komplexität der Wirklichkeit nicht leugnet. Nicht jedeGeschichte verläuft gleich, und nicht jede Krise führt zwangsläufig ins Gefängnis. Doch die Darstellung vonKonsequenzen kann dabei helfen, die Verlockung vermeintlich einfacher Lösungen zu hinterfragen.
In diesemSinn ist die Botschaft von HAPS weniger eine abstrakte Parole als ein Blick auf die Kosten, die ein krimineller Weg für den Einzelnen und sein Umfeld haben kann.
Ein Soundtrack als akustische Knast-Chronik
Die musikalische Ebene ist ein wesentlicher Teil der Identität von HAPS. Statt sich auf ein klassisches, orchestrales Filmscore-Album zu beschränken, wurde ein umfangreiches Musikprojekt aufgebaut: „HAPS – Das Album“ umfasst nach den vorliegenden Angaben knapp 30 Tracks und versammelt mehr als 20 bekannteKünstlerinnen und Künstler der Deutschrap-Szene.
Executive Producer PAIX fungiert dabei als musikalischerKopf und als Verbindung zwischen dem kompromisslosen Storytelling des Films und einer Szene, deren Sprache, Bilder und Rhythmen eine eigene kulturelle Realität transportieren.Die Musik will die Atmosphäre des geschlossenen Vollzugs nicht einfach illustrieren. Sie erweitert sie. Harte Beats, düstere Klangfarben und Texte über Loyalität, Verrat, Druck und verlorene Freiheit bilden eine akustische Chronik der Filmwelt.
Der Soundtrack spiegelt die klaustrophobische Enge und die psychische Belastung, die aus dem Alltag hinter Gittern entstehen. Zugleich bringt er unterschiedliche Stimmen und Perspektiven zusammen, die den Kosmos des Films musikalisch ausleuchten.Asche eröffnet das Album mit „Willkommen im Haps“. Der Track funktioniert als musikalische Visitenkarte: direkt, kompromisslos und auf die Realität des Vollzugs ausgerichtet.
Er führt ohne lange Vorrede in die Kälte dieser Welt und setzt den Ton für das, was folgt. Asche ist zudem nicht nur musikalisch beteiligt, sondern übernimmt im Film die Rolle des Mitinsassen Viktor. Damit verschmelzen Rap-Persona und Schauspielrolle unmittelbar – die Musik steht nicht außerhalb der Geschichte, sondern ist mit ihr verbunden.
Mit „Hapslife“ steuern Azad und Jeyz einen weiteren markanten Beitrag bei. Als prägende Stimmen des Frankfurter Straßenraps bringen sie einen Sound ein, der die Härte des Systems, den Jargon und die psychische Belastung des Überlebens in einer abgeschlossenen Welt aufgreift.
Der Track passt zu den Detailbeobachtungen des Films, in denen die Regeln des Vollzugs nicht erklärt werden müssen, um ihre Wirkung zu entfalten.
Weitere Künstler aus dem Umfeld des Albums sind Fero47 mit „8er“, Azzi Memo mit „Paragraf“, Ngee, Silva und Darren Brown. Die Bandbreite der Beteiligten verleiht dem Projekt unterschiedliche Klangfarben, ohne den düsteren Grundton aufzugeben. Das Album funktioniert als Ergänzung zur Filmhandlung und als eigenständiger musikalischer Zugang zu den Themen, die HAPS beschäftigen.
Vier Tracks, vier Blickwinkel
Asche – „Willkommen im Haps“
Als Auftakt setzt der Track die tonale Visitenkarte des Films. Er öffnet die Tür zu einer Welt, in der nichts leicht und nichts selbstverständlich ist. Die kompromisslose Ansprache und die düstere Atmosphäre geben den Takt vor und machen den Song zum akustischen Eintritt in den Kosmos des geschlossenen Vollzugs.
Azad & Jeyz – „Hapslife“
Mit zwei prägenden Stimmen des Frankfurter Straßenraps bekommt das Album einen Beitrag, der den Druck und die Härte des Systems aufgreift. Der Song verbindet Jargon und Überlebensgefühl mit der psychischen Belastung, die sich aus einem Alltag ergibt, in dem Freiheit und Selbstbestimmung eingeschränkt sind.
Ngee x PAIX – „Papastaat“
Dieser Track richtet den Blick auf die familiären Strukturen außerhalb der Gefängnismauern. Verantwortung, Enttäuschung und Verrat bilden einen emotionalen Gegenpol zur Härte des Vollzugs. Während ein Mensch drinnen feststeckt, verändert sich das Leben draußen – und Beziehungen können sich in eine Richtung entwickeln, die sich nicht mehr zurückdrehen lässt.
Fero47 x PAIX – „8er“„8er“
bringt eine melodischere Facette in das insgesamt düstere Album. Die Musik trägt die Zerrissenheit zwischen Sehnsucht nach Freiheit und der Realität des Eingesperrtseins. Gerade der Kontrast zwischen Melodie und bedrückender Grundstimmung lässt die emotionale Spannung des Stoffes hervortreten.Neben diesen Titeln prägen weitere Beiträge das knapp 30 Tracks umfassende Album.
Der Soundtrack wird so zu mehr als einer Sammlung von Songs, die nachträglich an einen Film angelegt wurden.
Er begleitet dessen Themen und verlängert sie in eine andere Ausdrucksform. Die Sprache des Rap kann Wut, Angst, Stolz, Scham und Loyalität in verdichtete Bilder fassen – Gefühle, die im Gefängniskontext oft unausgesprochen bleiben oder hinter einer demonstrativen Härte verborgen werden.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Ökonomie hinter Gittern. Tabak kann zur wertvollen Ware werden, ein„Koffer“ taucht als Begriff für eine Tabakmenge auf, und selbst kleine Tauschgeschäfte erhalten eine Bedeutung, die weit über ihren materiellen Wert hinausgeht. Gleichzeitig bleibt der Blick nach draußen zentral: die Sorge um die Familie, die Angst, Geschäfte und Beziehungen zu verlieren, und das Wissen, dass die Welt nicht stillsteht, nur weil eine Zellentür geschlossen ist. In dieser Verbindung von Milieudetail und emotionalem Druck liegt ein wesentlicher Teil der behaupteten Authentizität des Soundtracks.
PAIX, Asche und die Verschmelzung von Musik und Film
PAIX’ Rolle als Executive Producer geht über die Auswahl einzelner Songs hinaus. Er verantwortet die musikalische Identität eines Projekts, das Film und Musik als zusammenhängende Welt versteht. Der Sound wurde darauf angelegt, die klaustrophobische und bedrückende Atmosphäre des Vollzugs in moderne, wuchtige Audioformate zu übertragen.
In diesem Zusammenhang wird auch die aufwendige Dolby-Atmos-Mischung als Teil der technischen und atmosphärischen Ausrichtung hervorgehoben.
Asches Doppelrolle als Musiker und Darsteller ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Mit dem Song„Willkommen im Haps“ prägt er den Einstieg in das Album; als Viktor steht er zugleich innerhalb derFilmhandlung. Diese Nähe zwischen Musikszene und filmischer Fiktion verleiht dem Projekt eine zusätzliche Ebene.
Die Beteiligten wirken nicht nur wie externe Gäste, die einen Film musikalisch begleiten, sondern wie Stimmen, die aus einer verwandten kulturellen Welt in seine Geschichte hineinsprechen.
Auch die begleitenden Formate gehören zum größeren Projekt. Dazu zählt ein offizieller Podcast zum Film, in dem unter anderem Rap-Größen zu Wort kamen. Solche Gespräche können den Blick über die Handlung hinaus öffnen und die Themen Kriminalität, Knast und die Konsequenzen des eigenen Handelns diskutierbar machen.
Die Musik wird damit Teil der Promotion, aber auch Teil der Präventionsidee: Sie erreicht ein Publikum über kulturelle Zugänge, die ihm vertraut sind.
Gesichter einer abgeschlossenen Welt
Zum prominenten Ensemble von HAPS gehören unter anderem Constantin von Jascheroff, Kais Setti, Cem Öztabakci, Leonard Kunz, Milton Welsh, Michael Lott, Korkmaz Aslan und Xenia Assenza. Das Ensemble trägt die unterschiedlichen Perspektiven einer Welt, in der Hierarchien, Abhängigkeiten und persönliche Geschichten auf engem Raum aufeinandertreffen.Die visuelle Umsetzung orientiert sich an einem Stil, der sich bewusst von glattgebügelten Fernsehbildern absetzen will. Regisseur Ekrem Engizek und die Bildgestaltung setzen darauf, Enge, Kälte und psychologischen Druck unmittelbar spürbar zu machen.
Der Raum soll nicht nur Schauplatz sein, sondern selbst zur Belastung werden: Wände, Türen, Flure und Zellen markieren Grenzen, an denen sich die Figuren reiben.
Die Bildsprache unterstützt damit die zentrale Erfahrung des Films – das Gefühl, dass die eigene Welt immer kleiner wird, während die Konsequenzen immer größer werden.Im Vergleich zu vielen klein budgetierten Independent-Produktionen, die mit begrenzten Mitteln oft eher wie Fernsehspiele wirken, will HAPS eine eigenständige Kinoästhetik behaupten.
Der Anspruch liegt nicht allein in der Härte des Stoffes, sondern in der Kombination aus visueller Gestaltung, Sounddesign, Musik und einer Erzählung, die sich klar positioniert.
Die technische Ausrichtung und der aufwendige Klang sollen die körperliche Wirkung des Films verstärken und dem Publikum das Gefühl geben, mitten in dieser abgeschlossenen Welt zu sitzen.
Unabhängigkeit als Produktionshaltung
Die Entstehungsgeschichte gehört zu den Aspekten, die HAPS besonders machen. Nach den Angaben zum Projekt wurde der Film ohne die klassische deutsche Filmförderung und ohne großes Studio im Rücken realisiert. Ekrem Engizek, der als Autodidakt beschrieben wird, setzte auf einen unabhängigen Weg, übernahm Verantwortung für die Umsetzung und brachte den Film im Eigenverleih heraus. Ein solches Modell verlangt, künstlerische Entscheidungen mit Finanzierung, Produktion, Vertrieb und Öffentlichkeitsarbeit zusammenzudenken
Unabhängigkeit bedeutet dabei nicht automatisch, dass jede Entscheidung besser ist oder dass etablierte Förderstrukturen grundsätzlich keinen Wert haben. Sie bedeutet zunächst, dass ein Projekt andere Wege sucht und die damit verbundenen Risiken anders verteilt.
Gerade bei einem Genre-Film, der kompromisslos auf Härte und eine deutliche Botschaft setzt, kann diese Autonomie entscheidend sein. Sie schafft Spielraum für eine Vision, bringt aber zugleich eine hohe persönliche und finanzielle Belastung mit sich.
Die Anerkennung für Engizeks Einsatz ist deshalb nicht nur eine Frage des Geschmacks. Wer erhebliche eigene Ressourcen investiert, ein umfangreiches Musikprojekt aufbaut und den Film über den heimischen Markt hinaus positionieren will, beweist unternehmerische Konsequenz.
Der Weg ist steinig, und ein unabhängiger Erfolg entsteht nicht allein aus Willenskraft. Dennoch verdient es Respekt, wenn jemand das Risiko nicht ausschließlich an andere delegiert, sondern die eigene Vorstellung gegen Widerstände in die Umsetzung bringt.In der Diskussion über die deutsche Filmbranche kann HAPS damit als Gegenentwurf gelesen werden: nicht als Beweis dafür, dass Förderung überflüssig wäre, sondern als Beispiel dafür, dass außerhalb der gewohnten Wege Projekte entstehen können, die eine eigene Handschrift behaupten.
Zwischen Genre-Härte und gesellschaftlicher Wirkung
Die Resonanz auf HAPS wird vor allem mit seiner kompromisslosen Inszenierung und dem realistischen Look verbunden. In der vorliegenden Darstellung wird zudem auf eine Würdigung durch die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) verwiesen: Der Film soll das Prädikat „Wertvoll“ erhalten haben; hervorgehoben worden sei er als kraftvolles Sinnbild für das menschliche Ringen.
Diese Anerkennung stellt ihn in einen Zusammenhang, der über reine Genre-Unterhaltung hinausweist.
Warum HAPS mehr sein will als ein Gefängnisfilm
HAPS verbindet mehrere Ebenen: ein Drama über den Verlust der eigenen Identität, eine möglichst glaubwürdige Darstellung des Vollzugs, eine musikalische Chronik des Milieus, eine Präventionskampagne und das Beispiel einer unabhängigen Produktion. Diese Ebenen stützen einander. Die Recherche liefert Details für die Welt des Films; die Figuren geben diesen Details eine emotionale Richtung; die Musik erweitert die Perspektive; die Kampagne versucht, die Geschichte in reale Gespräche zu überführen.
Nicht jede Zuspitzung muss dabei überzeugen, und nicht jede Behauptung über Authentizität ersetzt die kritische Betrachtung des fertigen Films. Doch das Projekt hat eine klare Haltung: Es will nicht gefällig sein, sondern etwas riskieren. Es setzt auf eine raue Bildsprache, eine dichte Klangwelt und die unbequeme Vorstellung, dass der Weg in die Kriminalität nicht mit einem großen, dramatischen Entschluss beginnen muss. Oft sind es kleine Grenzüberschreitungen, die sich gegenseitig verstärken, bis der Rückweg kaum noch sichtbar ist.
Darin liegt die Verbindung zum Satz am Anfang. Wer selbst zu dem wird, was er einst gefürchtet hat, ist nicht einfach unversehrt aus der Hölle zurückgekehrt. Die Wiederkehr ist von Veränderung gezeichnet. Vielleicht besteht die eigentliche Warnung darin, nicht erst dann über die eigenen Grenzen nachzudenken, wenn sie längst überschritten sind. Und vielleicht ist die wichtigste Frage nach HAPS nicht, wie hart ein Film sein kann, sondern ob seine Härte etwas in Bewegung setzt.
Chapeau vor dem Mut
Was Ekrem Engizek hier auf die Beine gestellt hat, verdient Respekt – nicht, weil unabhängige Wege automatisch überlegen wären, sondern weil sie Mut, Ausdauer und die Bereitschaft verlangen, Verantwortung für eine eigene Vision zu übernehmen. Ein Film kostet Geld, Zeit, Kraft und oft auch persönliche Sicherheit.
Wer all das in ein Projekt steckt, das sich nicht in vertraute Muster einfügen will, verdient Anerkennung für den Versuch, etwas Eigenständiges zu schaffen.
HAPS ist kein leises Arthouse-Kino für einen kleinen Festivalzirkel. Es ist ein lautes, kompromissloses
Statement, das die große Leinwand sucht und über seine Grenzen hinausblicken will. Der Film, sein
Soundtrack und die begleitende Präventionsarbeit zeigen, wie ein unabhängiges Projekt unterschiedliche Formate zusammenführen kann. Mehr Mutige, die aus dem gewohnten Tritt austreten und eigene Wege erproben – davon könnte das deutsche Kino durchaus mehr gebrauchen.
Chapeau, Ekrem. Ganz großes Kino.
Anuschka Wienerl Herausgeberin & Chefredakteurin · MAGAZIN DIE DIET
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