Reitsport bald unbezahlbar? Was hinter den steigenden Kosten wirklich steckt

Reitsport bald unbezahlbar?Pferdebesitzer in Deutschland spüren es seit Monaten in jeder Rechnung: Der Sport mit dem Pferd wird teurer – und zwar nicht nur ein bisschen. Eine aktuelle Studie von RidersDeal zeigt, dass mehr als ein Drittel der Pferdehalter sich von der allgemeinen Kostensteigerung „stark“ oder „sehr stark“ betroffen fühlt. Nur knapp 5 Prozent berichten, auf ihrer Tierarztrechnung keine Veränderung zu sehen. Doch wer genauer hinschaut, findet hinter den nackten Zahlen eine Geschichte, die in der öffentlichen Debatte kaum erzählt wird: einen stillen Strukturwandel, der den Reitsport in Deutschland in seinen Grundfesten verändert.
Die GOT-Reform: Mehr als nur teurere Impfungen
Am 22. November 2022 trat die größte Reform der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) seit 23 Jahren in Kraft. Eine allgemeine Untersuchung mit Beratung wurde für Hunde um 75 Prozent teurer, für Katzen sogar um 163 Prozent – und auch im Pferdebereich zogen die Sätze kräftig an. Begründet wurde die Reform mit einer Studie, die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Auftrag gegeben hatte: Die alten Gebühren reichten angeblich nicht mehr aus, um Praxen mit moderner Medizintechnik auszustatten und den Berufsstand wirtschaftlich tragfähig zu halten.
Was in der öffentlichen Debatte selten erwähnt wird: 2026 steht die GOT erneut auf dem Prüfstand. Eine für ihre Masterarbeit ausgezeichnete Agraringenieurin, Elena Karthäuser, hat die Folgen der Reform für Pferdehalter und Tierärzte untersucht. Ihre Befunde sind alarmierend – sowohl die Zahl der Turnierpferde als auch die der geborenen Fohlen ist rückläufig, und Reitschulen können ihre Schulpferde kaum noch kostendeckend versorgen.
Laut Umfrage warten inzwischen 70 Prozent der Pferdehalter ab, bevor sie überhaupt den Tierarzt rufen – mit allen Risiken, die das für das Tierwohl mit sich bringt. Genau das war auch der Kern einer Petition, die der Dachverband FN gemeinsam mit der Vereinigung Deutscher Tierhalter bereits Ende 2023 auf den Weg gebracht hatte.
Die verborgene Wahrheit: Wem gehört eigentlich der Tierarzt?
Hier liegt der Teil der Geschichte, der am seltensten öffentlich diskutiert wird. Während Pferdebesitzer über steigende Rechnungen klagen, hat sich der deutsche Tiermedizinmarkt in den letzten zehn Jahren leise, aber radikal verändert: Internationale Finanzinvestoren und Lebensmittelkonzerne haben begonnen, unabhängige Tierarztpraxen systematisch aufzukaufen.Der US-Süßwaren- und Tierfutterkonzern Mars steht inzwischen hinter der Praxiskette AniCura, die laut Eigenangaben über 450 europäische Standorte und mehr als 11.000 Mitarbeitende zählt.
Der Schweizer Lebensmittelriese Nestlé hält eine Beteiligung am Konkurrenten IVC Evidensia, hinter dem wiederum der Finanzinvestor EQT mit einem verwalteten Vermögen von rund 100 Milliarden Euro steht.
Hinzu kommen die Investorenfamilie Reimann (über JAB Holding) sowie Fonds wie KKR oder Inflexion, die über die Berliner Kette Tierarzt Plus mit aktuell rund 95 Praxen am deutschen Markt mitmischen. Das Bundeskartellamt befasste sich 2022 sogar mit dem Versuch von IVC Evidensia, Deutschlands größte Tierklinik in Hofheim bei Frankfurt zu übernehmen – am Ende erteilten die Behörden grünes Licht.Warum kaufen Konzerne ausgerechnet Tierarztpraxen? Die Antwort liegt im demografischen Wandel des Berufsstands selbst: Viele ältere Praxisinhaber finden keine Nachfolger, weil jüngere Tierärzte sich nicht mehr hoch verschulden oder die unternehmerische Verantwortung für eine ganze Klinik übernehmen wollen – sie wollen lieber angestellt arbeiten.
Für die Investoren ist das ein lukratives Geschäft: Pet-Care-Ausgaben gelten als krisenresistent, weil Tierhalter auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bei ihren Tieren kaum sparen. Kritiker wie der Tierarzt und Blogger Ralph Rückert warnen seit Jahren vor einer schleichenden Monopolbildung nach skandinavischem Vorbild, wo Ketten wie AniCura binnen wenigen Jahren fast den gesamten Markt unter ihre Kontrolle gebracht haben. Wo der Wettbewerb zwischen unabhängigen Praxen verschwindet,
verschwindet auch der Preisdruck nach unten.AniCura selbst weist zurück, konzernweit verbindliche Preisvorgaben zu machen. Belastbare, flächendeckende Daten darüber, wie stark Kettenpraxen die GOT-Höchstsätze gegenüber unabhängigen Praxen ausreizen, liegen bislang nicht systematisch vor – das ist Teil des Problems: Die Konsolidierung
läuft weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit, wie eine Anfrage im Bremer Transparenzportal zeigt, die von den Behörden mangels verfügbarer Informationen kaum beantwortet werden konnte.

Das stille Sterben der Reitschulen
Während die Tierarztkosten für Schlagzeilen sorgen, vollzieht sich ein zweiter, noch weniger beachteter Strukturwandel: das Verschwinden der klassischen Reitschule. Schon während der Pandemie sah ein Drittel der rund 6.100 deutschen Reitschulen seine Existenz gefährdet. Heute, Jahre später, hat sich die Lage nicht erholt – im Gegenteil.
Die FN hat deshalb 2024 die Initiative „100 Schulpferde plus“ gestartet, die mit Fördergeldern im siebenstelligen Bereich versucht, den Ankauf neuer Schulpferde zu unterstützen. Das ist ein deutliches Signal: Wenn ein Verband eine eigene Rettungsinitiative für ein Grundbedürfnis wie Schulpferde auflegen muss, ist die Lage strukturell, nicht vorübergehend.Der Grund dafür ist simpel und doch wenig diskutiert: Ein Schulpferd verursacht dieselben Tierarzt-, Hufschmied- und Pensionskosten wie jedes andere Pferd – lässt sich aber nur über günstige Reitstunden refinanzieren, die sich Familien mit kleinerem Budget noch leisten können.
Steigen die Fixkosten schneller als die Unterrichtspreise, rechnet sich das Schulpferd nicht mehr. Die Folge: Genau die Pferde, die ärmeren Familien und Kindern überhaupt erst einen Zugang zum Reitsport ermöglichen, verschwinden zuerst. Der Reitsport wird damit nicht nur teurer, sondern auch sozial exklusiver – eine Entwicklung, die Branchenvertreter offen ansprechen, die aber in der öffentlichen „Reitsport wird teuer“-Debatte selten so klar benannt wird.
Was die Zuchtstatistik 2025 wirklich zeigt
Wer nach handfesten Belegen für die wirtschaftliche Talfahrt sucht, wird in der aktuellen Zuchtstatistik fündig. 2025 registrierten die deutschen Zuchtverbände nur noch rund 23.000 Warmblutfohlen – nach 25.100 im Jahr 2024 und einem Zehnjahreshoch von 28.049 im Jahr 2023.
Das ist ein Rückgang von über 18 Prozent in nur zwei Jahren. Auch die Zahl der eingetragenen Zuchtstuten sank um rund 5 Prozent. Der Zuchtverband-Vorstand begründet dies offen mit gestiegenen Kosten: Züchter schauen genauer hin, welche Stuten sie überhaupt noch zur Zucht einsetzen.
Ein Detail aus der Berichterstattung der Fachpresse verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es so selten ausgesprochen wird: In Niedersachsen, einem der traditionsreichsten Pferdezuchtländer Deutschlands, sind die Zahlen der Tierkörperbeseitigung seit der GOT-Reform deutlich gestiegen.
Das bedeutet im Klartext: Mehr Pferde werden eingeschläfert oder sterben, weil ihre Besitzer die Behandlungskosten nicht mehr aufbringen können oder wollen – ein Indikator, der weit mehr über die reale Belastungsgrenze aussagt als jede Umfrage zur gefühlten Kostensteigerung.Gleichzeitig zeigt sich ein interessanter Gegentrend: Die Zahl neu registrierter Turnierpferde stieg 2025 um fast 5 Prozent.
Das wird von der FN selbst nicht als Entwarnung gewertet, sondern eher als Verschiebung – wer im Turniersport bleibt, investiert offenbar gezielter in weniger, aber wertvollere Pferde, während die Breite des Sports schrumpft. Die Zahl der Jahresturnierlizenzen liegt mit 66.729 weiterhin fast 20 Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau, und die Zahl der Veranstaltungen ist von rund 3.500 auf 3.183 gesunken – ein Rückgang von 9 Prozent allein im letzten Jahr, der vor allem kleine, ländliche Vereinsturniere trifft, die sich wirtschaftlich kaum noch tragen.
Wer trägt die Kosten wirklich?
Ein Aspekt, der in der Debatte um „den teuren Tierarzt“ gerne untergeht: Die Pferdehaltung wird in Deutschland anders als die Nutztierhaltung nicht öffentlich subventioniert oder durch einen Versorgungsauftrag abgesichert.
Ein Tierarzt, der sich öffentlich gegen die FN-Petition positionierte, brachte es auf den Punkt: Reiten gilt zwar als Breitensport, wird aber weder von der Allgemeinheit noch vom Tierarzt querfinanziert.
Wer ein Pferd hält, trägt jedes Kostenrisiko – von der Kolik-OP für 5.000 bis 8.000 Euro bis zur monatlichen Stallmiete – vollständig allein. Hinzu kommt: Wer sein Pferd zuhause auf eigenem Grund hält, spart sich die Pensionskosten komplett, was die Schere zwischen Pferdebesitzern mit und ohne eigenes Land oder Hof noch weiter öffnet.

Fazit: Eine Strukturkrise, kein vorübergehendes Problem
Die Frage „Wird Reitsport unbezahlbar?“ lässt sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten – aber die verfügbaren Daten zeichnen ein klares Bild eines Sports im Umbau. Es handelt sich nicht um eine einzelne Preiserhöhung, sondern um das Zusammenspiel mehrerer Kräfte: eine gesetzlich verordnete Tierarzt-Gebührenreform, eine bislang kaum öffentlich diskutierte Konsolidierung des Tiermedizinmarkts durch internationale Finanzinvestoren und Lebensmittelkonzerne, sinkende Fohlenzahlen, schließende Reitschulen und eine wachsende soziale Schieflage
beim Zugang zum Pferd.Wer das Gesamtbild verstehen will, darf nicht nur auf die Rechnung vom Tierarzt schauen – sondern auch darauf, wem diese Tierarztpraxis inzwischen tatsächlich gehört.
Der Reitsport erfreut sich einer großen Beliebtheit, doch in den letzten Jahren sind die Kosten erheblich angestiegen. Von erhöhten Tierarztgebühren bis hin zu steigenden Unterbringungskosten für die Pferde, die finanziellen Belastungen für Reiter und Pferdebesitzer steigen stetig. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob der Reitsport bald unbezahlbar wird.
Quellen: RidersDeal Reitsport-Studie 2026, Bundestierärztekammer, Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN)/Pferdesport Deutschland, Cavallo, Börsen-Zeitung, Allianz, Equi Pages,
Zukunft des Reitsports: Möglichkeiten und Lösungen
Die Frage, ob der Reitsport für die nächste Generation leistbar bleibt, ist komplex. Einige Reitsportverbände und Initiativen arbeiten an Lösungen, um die Kostenstruktur transparenter zu gestalten und unterstützen dabei, Ressourcen effizienter zu nutzen. Eine engere Gemeinschaft von Reitern könnte ebenfalls dazu beitragen, Tipps und Tricks zur Kostenersparnis auszutauschen und den Druck auf Einzelne zu verringern.
In Anbetracht dieser Faktoren scheint es unabdingbar, die aktuellen Entwicklungen im Reitsport genau zu beobachten und darüber nachzudenken, wie sich die finanziellen Rahmenbedingungen verbessern lassen, um die Leidenschaft für den Reitsport lebendig zu halten.






