Interview mit Kate Moss
MAGAZIN DIE DIETRICH/ Anuschka Wienerl 15.12.2021 London, 16:30 Uhr. Der graue Himmel über St. Johns Wooddroht mit dem nächsten Regenschauer, doch hier drinnen, in einem verstecktenStudio hinter einer unscheinbaren Backsteinfassade, herrscht eine ganz eigeneWärme. Es riecht nach teurem Earl Grey, ein wenig nach…
MAGAZIN DIE DIETRICH/ Anuschka Wienerl
15.12.2021
London, 16:30 Uhr. Der graue Himmel über St. Johns Wood
droht mit dem nächsten Regenschauer, doch hier drinnen, in einem versteckten
Studio hinter einer unscheinbaren Backsteinfassade, herrscht eine ganz eigene
Wärme. Es riecht nach teurem Earl Grey, ein wenig nach Leder und dem Hauch
eines Parfums, das man nicht im Vorbeigehen kauft.
Dann geht die Tür auf. Keine Entourage, kein Spektakel. Nur
Kate.
In einer perfekt eingetragenen schwarzen Jeans und einem
Kaschmirpullover, der aussieht, als hätte er schon die besten Nächte der 90er
miterlebt, lässt sie sich in einen tiefen Samtsessel fallen. Kate Moss ist
nicht einfach nur ein Model – sie ist das Gesicht einer Ära, in der Mode noch
gefährlich, echt und vor allem menschlich war. Während die Welt draußen in
einem Strudel aus Fast Fashion und digitalen Filtern versinkt, wirkt sie wie
der ruhende, rauchige Pol der Vernunft.
Wir treffen uns heute zum Interview Talk, um über das zu
sprechen, was Mode eigentlich ausmacht. Denn in einer Zeit, in der Kleidung oft
nur noch für den nächsten Klick produziert wird, stellt sich die Frage:
Verliert die Mode ihre Seele, wenn wir vergessen, in ihr zu leben?
Für Kate ist die Antwort klar. Sie schaut kurz aus dem
Fenster auf die regennassen Straßen Londons, zündet sich eine Zigarette an und
beginnt zu erzählen…
Das Interview: „Stoff braucht eine Seele“
Die Dietrich: Kate, schön, dass du da bist. Unser Thema
heute ist: „Mode lebt durch die Menschen, die sie tragen.“ Du bist das beste
Beispiel dafür. Fangen wir direkt an: Ist Mode ohne den Menschen für dich nur
tote Materie?
Kate: Absolut. Ein Kleid auf einem Bügel ist nur ein
Designobjekt. Es ist hübsch anzusehen, sicher. Aber es passiert erst etwas,
wenn jemand hineinschlüpft, die Schultern hochzieht oder die Hände in die
Taschen steckt. Erst dann fängt der Stoff an zu atmen.
Die Dietrich: Du hast das berühmte „Slip Dress“ in den 90ern
legendär gemacht. War es das Design oder deine damalige Attitüde, die es
unvergesslich gemacht hat?
Kate: Oh, das war wohl eine Mischung aus beidem. Aber
ehrlich gesagt: Ich wusste damals gar nicht, dass es „legendär“ werden würde.
Ich hab mich einfach frei gefühlt. Wenn du dich in dem, was du trägst, nicht
verstellst, dann kriegt die Kleidung diese gewisse Elektrizität. Es ist die
Energie, nicht der Schnitt.
Die Dietrich: Viele Menschen tragen heute exakt die gleichen
Designer-Looks von Kopf bis Fuß. Geht dabei der Mensch verloren?
Kate: Ja, ein bisschen schon. Ich finde es langweilig, wenn
alles zu perfekt ist. Wenn man aussieht wie aus einem Katalog, fehlt die
Reibung. Ich mag es, wenn man sieht, dass jemand sein eigenes Ding macht –
vielleicht ein teures Kleid mit alten, kaputten Boots kombiniert. Das zeigt,
wer du bist, nicht nur, was du dir leisten kannst.
Die Dietrich: Du liebst Vintage-Mode. Suchst du in diesen
Stücken nach den Geschichten der Menschen, die sie vor dir getragen haben?
Kate: Definitiv. Ich liebe den Gedanken, dass ein Mantel
schon auf Partys in den 60ern war oder durch den Regen in Paris gelaufen ist.
Diese Kleidung hat eine Patina, eine Geschichte. Wenn ich sie trage, füge ich
nur mein eigenes Kapitel hinzu. Das ist echte Nachhaltigkeit der Seele.
Die Dietrich: Kann ein unsicherer Mensch durch die richtige
Kleidung Selbstbewusstsein gewinnen, oder muss das Strahlen immer von innen
kommen?
Kate: Kleidung kann wie eine Rüstung sein. Wenn du einen
großartigen Blazer anziehst, stehst du automatisch gerader. Aber die Mode kann
dich nicht „retten“. Sie kann dich nur dabei unterstützen, die Version von dir
zu zeigen, die du an diesem Tag sein willst. Das Strahlen? Das musst du schon
selbst mitbringen, Liebes.
Die Dietrich: Was hältst du von dem Satz: „Es ist egal, was
man trägt, solange man es mit Überzeugung trägt“?
Kate: Das unterschreibe ich sofort. Ich habe Sachen
getragen, die objektiv gesehen vielleicht furchtbar waren. Aber in dem Moment
habe ich mich darin gefühlt wie die Königin der Welt. Wenn du es besitzt („own
it“), dann stellen die Leute keine Fragen. Sie akzeptieren es einfach als Stil.
Die Dietrich: Du wirst oft für deinen „Effortless Look“
bewundert. Wie viel Arbeit steckt wirklich darin, so auszusehen, als wäre es
einem egal?
Kate: (lacht) Wenn man zu lange vor dem Spiegel steht, hat
man schon verloren. Das Geheimnis ist, sich anzuziehen und es dann zu
vergessen. Wenn du den ganzen Abend an deinem Rock herumzupfst, lebst du nicht
– du verwaltest dein Outfit. Mode lebt erst, wenn du dich darin bewegst, tanzt
und vergisst, dass du sie anhast.
Die Dietrich: Gibt es ein Kleidungsstück, das dich
menschlich gesehen komplett verändert hat?
Kate: Meine erste Lederjacke. Als ich sie anzog, fühlte ich
mich plötzlich stärker, ein bisschen rebellischer. Mode erlaubt es uns,
verschiedene Facetten unserer Persönlichkeit zu betonen. Der Mensch bleibt
derselbe, aber die Mode holt unterschiedliche Farben aus uns heraus.
Die Dietrich: Wie stehst du zu dem Trend, dass Kleidung
heute oft nur noch für ein Foto auf Social Media getragen wird?
Kate: Das macht mich traurig. Mode ist zum Leben da, nicht
zum Posieren. Man sollte darin schwitzen, weinen und lachen. Wenn du ein Kleid
nur trägst, um ein Like zu bekommen, hast du den Moment verpasst. Das ist dann
keine Mode, das ist eine Verkleidung.
Die Dietrich: Kate, wir leben in einer Zeit der extremen
Wegwerfgesellschaft. Kleidung landet oft ungetragen im Müll oder im Container,
bevor sie überhaupt eine Geschichte erzählen konnte. Was löst das in dir aus?
Kate: „Es bricht mir ehrlich gesagt das Herz. Mode ist für
mich etwas Kostbares, fast wie ein Freund. Man wirft einen Freund nicht weg,
nur weil er eine Saison alt ist, oder? Diese Idee von ‚Fast Fashion‘, wo
Kleidung wie Fast Food behandelt wird – man konsumiert sie und schmeißt sie weg,
das ist das Gegenteil von Stil. Wenn
etwas im Container landet, ohne jemals wirklich geliebt oder gelebt zu haben,
dann hat es seinen Zweck verfehlt. Wir müssen aufhören, Kleidung als
Wegwerfartikel zu sehen. Kauft weniger, aber kauft Dinge, die eine Seele haben.
Ein guter Mantel sollte dich dein halbes Leben begleiten, nicht nur ein
Wochenende.
Die Dietrich: Letzte Frage, Kate: Welchen Rat gibst du
Menschen, die ihren eigenen Stil noch nicht gefunden haben?
Kate: Hör auf, nach Regeln zu suchen. Probier Sachen an, die
dich zum Lächeln bringen. Und denk immer daran: Du trägst das Kleid, das Kleid
trägt nicht dich. Sei du selbst, der Rest ist nur Stoff.
Die Dietrich: Kate, das war ein unglaublich inspirierender
Einblick. Vielen Dank für das offene Gespräch und dass du dir in deinem vollen
Terminkalender die Zeit für uns genommen hast. Es war ein echtes Vergnügen,
hier in London mit dir über die Seele der Mode zu philosophieren.
Kate: (Sie lächelt warm, fast ein bisschen bescheiden, und
greift nach ihrer Handtasche.) „Ganz meinerseits, Liebes. Es ist immer gut,
sich daran zu erinnern, warum wir das alles eigentlich machen, oder? Passt auf
euch auf da draußen – und tragt eure Kleidung mit Stolz.“
Kates Profi-Tipp für den Alltag:
„Wenn du
morgens unsicher bist, zieh dich an, schau in den Spiegel und nimm eine Sache
weg. Meistens ist es das Accessoire, das zu viel gewollt ist. Lass den Stoff
für dich sprechen.“



