Interview mit Emily Ratajkowski zur Fashion Week in Paris

Wenn der Eiffelturm im flackernden Scheinwerferlicht erstrahlt und das Open-Air-Spektakel Le Défilé L’Oréal Paris die Pariser Fashion Week eröffnet, wird der Laufsteg zur öffentlichen Arena.

Unter dem Leitmotiv „Express Your Worth“ versammeln sich internationale Ikonen – nicht nur zur Präsentation neuer Kollektionen, sondern als Repräsentantinnen eines gesellschaftlichen Diskurses über Selbstbestimmung.

Mitten im geschäftigen Backstage-Trubel, zwischen Visagisten, Blitzlichtgewitter und der pulsierenden Energie der Modehauptstadt, treffen wir Emily Ratajkowski. Im exklusiven Gespräch reflektiert sie über den feinen Unterschied zwischen Subjekt und Objekt, die Kunst des Widerspruchs und die Frage, wie Frauen in einer digitalisierten Aufmerksamkeitsökonomie die Kontrolle über ihr eigenes Bild behaupten.

Sie ist längst mehr als eines der weltweit am meisten fotografierten Gesichter: Als Bestseller-Autorin („My Body“), Podcasterin und Unternehmerin sezierte sie wie kaum eine zweite die Mechanismen der männlichen Blickkultur und der kommerziellen Verwertung des weiblichen Körpers.

Das Interview

Der Blick zurück gehört mir. Vom Motiv zum Subjekt: Emily Ratajkowski über körperliche Autonomie, die Inszenierung der Macht und die Befreiung aus der fremden Projektion.

MAGAZIN DIE DIETRICH: Emily, die Pariser Fashion Week wird heute Abend unter dem Motto „Express Your Worth“ auf dem Place Joffre eröffnet. Die Kulisse ist überwältigend. Was bedeutet dieser Moment für dich persönlich?

Emily Ratajkowski: Pariser Fashion Weeks besitzen eine ganz eigene, fast elektrische Dynamik. Aber diese Eröffnung im freien Raum verändert die Parameter: Mode findet hier nicht isoliert für ein elitäres Fachpublikum statt, sondern inszeniert sich öffentlich mitten in der Stadt. „Worth“ – also Selbstwert – ist in diesem Kontext kein leerer Marketing-Slogan. Es geht darum, sich Raum zu nehmen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten. Dass wir genau diese Selbstverständlichkeit mitten in Paris feiern, verleiht dem Abend eine spürbare Dringlichkeit.

MAGAZIN DIE DIETRICH: In deinem Essayband „My Body“ beschreibst du schonungslos, wie der weibliche Körper in Medien, Kunst und Mode konsumiert, bewertet und oft entfremdet wird. Wie unterscheidet sich die Emily, die heute über diesen Laufsteg geht, von der Frau, die diese Texte geschrieben hat?

Emily Ratajkowski: Es ist exakt dieselbe Person – allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die heutige Emily die Spielregeln des Systems durchschaut hat. Früher hatte ich kontinuierlich das Gefühl, dass mein Bild mir entzogen, von anderen interpretiert und kommerziell verwertet wird. Durch das Schreiben habe ich mir die Deutungshoheit über meine eigene Geschichte zurückgeholt. Wenn ich heute auf einen Laufsteg trete, geschieht das nicht mehr auf der Suche nach externer Bestätigung. Ich agiere als Handlungsbeauftragte meiner selbst – als Subjekt, nicht als passive Projektionsfläche. Dieser Perspektivwechsel im eigenen Bewusstsein verändert die gesamte Haltung, die Präsenz und den Blick.

MAGAZIN DIE DIETRICH: Modeschauen sind kulturelle Projektionsflächen. Glaubst du, dass die Modeindustrie im Begriff ist, Frauen tatsächlich in ihrer intellektuellen und existenziellen Komplexität zu begreifen – oder erleben wir nur eine performative Oberflächenkorrektur?

Emily Ratajkowski: (schmunzelt) Es ist ein zäher, fortlaufender Prozess. Die Industrie hat gelernt, die Vokabeln des Zeitgeists zu nutzen – Begriffe wie Diversität, Empowerment und Inklusion sind allgegenwärtig. Das ist als rhetorischer Ausgangspunkt wertvoll, aber Begriffe allein verändern keine Machtverhältnisse. Echter struktureller Wandel vollzieht sich erst dann, wenn die Entscheidungsebenen neu besetzt werden: Wenn Frauen nicht bloß vor den Kameras posieren, sondern die Regie führen, die Verträge verhandeln, Budgets verwalten und Magazin-Cover konzeptionieren. Events wie das heutige Défilé zeigen zumindest, dass die Barrieren bröckeln.

MAGAZIN DIE DIETRICH: Du vereinst Rollen als Mutter, Autorin, Podcasterin, Unternehmerin und Model. Wie gelingt dir die innere Verankerung in einem Umfeld, das ununterbrochen visuelle Perfektion und Verfügbarkeit einfordert?

Emily Ratajkowski: Durch kompromisslose Grenzziehung und Realitätserdung. Mein Sohn holt mich jeden Tag augenblicklich in die Realität zurück – Kindern sind Kamerafilter, Klickzahlen oder die Sitzordnung in der Front Row völlig gleichgültig. Zudem habe ich aufgehört, mich für vermeintliche Widersprüche zu rechtfertigen. Man kann eine tiefe Passion für Mode und Ästhetik hegen und parallel patriarchale Muster oder den Hyperkapitalismus kritisch analysieren. Wir müssen uns nicht mehr in verengte Kategorien drängen lassen, um gesellschaftlich lesbar zu sein.

MAGAZIN DIE DIETRICH: Welchen Grundsatz gibst du einer jungen Generation mit, die in einer von Algorithmen und permanenter Selbstdarstellung geprägten visuellen Kultur aufwachst?

Emily Ratajkowski: Trennt die externe Wahrnehmung strikt von eurem inneren Selbstwert. Social Media erzeugt den permanenten Druck zur Selbsterzeugung als Marke. Aber der entscheidende Blick auf das eigene Leben ist derjenige, der ohne Kameralinse auskommt. Dein Eigenwert bemisst sich nicht nach deiner Konsumierbarkeit für andere – sondern nach der Tiefe deiner Gedanken, deinen Werten und dem, was du erschaffst.

Redaktionelles Fazit: Die Dekonstruktion der Pose

Das Gespräch mit Emily Ratajkowski verdeutlicht eine fundamentale Transformation der Gegenwartskultur: Die Grenze zwischen Objektivität und Autonomie verläuft längst nicht mehr entlang der Entscheidung, ob man sich zeigt, sondern wie und unter wessen Regie diese Sichtbarkeit strukturiert ist.

Indem Ratajkowski die Ästhetik der Mode mit der Schärfe kulturkritischer Analyse verbindet, dekonstruiert sie das klassische Rollenmuster der Stilikone. Das Le Défilé L’Oréal Paris wird so zur Metapher einer Generation von Frauen, die den Laufsteg nicht als Ort der Anpassung begreifen, sondern als Plattform zur Demonstration eigener Handlungsmacht.

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