Ein Interview mit Helene Fischer „Ich war nie die, die ihr dachtet „

„Ich war nie die, die ihr dachtet“

Ein Die Dietrich-Gespräch mit Helene Fischer

Sie kommt ohne Entourage. Kein Assistent, kein Stylist, kein Manager im Schlepptau. Helene Fischer trägt eine dunkle Leinenhose, ein rotes Sweatshirt, die Haare offen. Sie sieht aus wie jemand, der sich bewusst entschieden hat, heute nicht aufzutreten. Sie setzt sich, bestellt Wasser – und schaut einen direkt an. Nicht wie ein Star. Wie eine Frau, die bereit ist.

Wir treffen sie an einem Dienstagvormittag in München. Draußen regnet es. Drinnen ist es still.

BLOCK 1 · Das Bild

DieDietrich:

Helene Fischer ist eine der bekanntesten Frauen Deutschlands. Aber wer ist Helene Fischer, wenn niemand zuschaut?

(Sie lacht kurz – nicht kokett, eher erleichtert über die Direktheit der Frage.)

Helene: „Jemand, die viel zu lange braucht, um einzuschlafen. Jemand, die morgens als Erstes Kaffee braucht, bevor sie ein Wort sagt. Jemand, die in der Küche tanzt, wenn ein Song läuft, den sie liebt – und dabei aussieht wie ein aufgedrehtes Kind. Ich glaube, das überrascht die Leute. Sie erwarten, dass ich auch privat irgendwie… perfekt bin. Durchkomponiert. Aber ich bin ziemlich chaotisch. In meinem Kopf zumindest.“

Die Dietrich: Du hast eine Kunstfigur erschaffen, die perfekt funktioniert – makellose Shows, makellose Stimme, makelloser Körper. War das ein Plan? Oder ist es dir passiert?

Helene:„Es ist passiert. Und dann hab ich es irgendwann aktiv mitgestaltet, weil ich gemerkt habe: Das ist die Sprache, die diese Industrie versteht. Perfektion. Zuverlässigkeit. Keine Schwäche zeigen. Ich war jung, ich wollte dazugehören, ich wollte ernst genommen werden. Also hab ich geliefert, was verlangt wurde. Erst viel später hab ich mich gefragt: Von wem wurde das eigentlich verlangt? Und warum hab ich nie ‚Nein‘ gesagt?

“Die Dietrich: Gibt es einen Moment, in dem du dir selbst fremd geworden bist?

Helene: Ja. Es gab eine Tour – ich werde nicht sagen welche – da stand ich abends auf der Bühne, 50.000 Menschen vor mir, alle singen mit, alle sind glücklich. Und ich hab in diesem Moment gedacht: Ich fühle gar nichts. Nicht Dankbarkeit, nicht Freude, nicht Stolz. Nur… Erschöpfung. Und dann Scham, weil ich dachte: Wie kannst du in diesem Moment nichts fühlen? Was stimmt nicht mit dir? Das war der Moment, wo ich gemerkt habe, dass irgendetwas kippen muss.

“Die Dietrich:Frauen, die so sichtbar sind wie Du, werden oft auf ein Bild reduziert. Das der Volkssängerin. Das der Turnerin auf der Bühne. Das der Deutschen Nummer Eins. Welches Bild stört dich am meisten?

Helene: „Das der Volkssängerin. Nicht weil ich mich dafür schäme – ich liebe meine Musik, ich liebe mein Publikum. Aber dieser Begriff trägt so viel Geringschätzung in sich. Als ob das, was ich tue, weniger wert wäre, weil es die Massen erreicht. Als ob Popularität Qualität ausschließt. Wenn ein Mann mit meinen Zahlen Stadien füllt, heißt er Superstar. Ich heiße Volkssängerin. Das sagt mehr über unsere Gesellschaft aus als über mich.

“Die Dietrich:Marlene Dietrich hat einmal gesagt: ‚Ich bin bei Gott keine Heilige.‘ Was würden Sie über sich sagen, was die Öffentlichkeit überraschen würde?

Helene: (Sie denkt nach. Wirklich nach.)„Dass ich manchmal wütend bin. Richtig wütend. Nicht traurig, nicht verletzt – wütend. Auf Erwartungen, auf Schubladen, auf die Idee, dass ich immer gut gelaunt, immer dankbar, immer strahlend sein muss. Die Öffentlichkeit kennt meine Energie auf der Bühne. Sie kennt nicht die Abende danach, wo ich einfach nur schweigen will. Wo ich niemanden sehen will. Wo ich Helene Fischer ehrlich gesagt ziemlich leid bin.“

BLOCK 2 · Die Arbeit

Die DietrichDeine Shows gelten als die aufwendigsten in Deutschland. Hunderte von Mitarbeitern, monatelange Touren. Was kostet dich das wirklich?

Helene
Zeit. Vor allem Zeit. Zeit für Beziehungen, für Freundschaften, für Stille. Es gibt Menschen in meinem Leben, die ich seit Jahren kaum gesehen habe – nicht weil wir uns entfremdet haben, sondern weil ich einfach nicht da war. Das ist der Preis, über den niemand spricht. Nicht der Körper, nicht die Stimme – die trainiert man. Aber die verpassten Abende, die Gespräche, die nicht stattgefunden haben… die kriegt man nicht zurück.

„Die Dietrich:Gibt es einen Unterschied zwischen Disziplin und Zwang. Wo liegt bei dir die Grenze?

Helene:„Die hab ich lange nicht gesehen. Ich hab alles als Disziplin bezeichnet, was eigentlich Zwang war. Sport bis zur Erschöpfung? Disziplin. Kein freies Wochenende seit Jahren? Disziplin. Nicht krank sein dürfen, weil 200 Leute von meiner Tour abhängen? Disziplin. Irgendwann hab ich begriffen: Disziplin kommt aus Freiheit. Zwang kommt aus Angst. Und ich hatte sehr lange sehr viel Angst.

„Die Dietrich Hast du jemals auf einer Bühne gestanden und gedacht: Ich kann nicht mehr?

Helene:„Ja. Und ich bin trotzdem rausgegangen. Weil ich nicht wusste, wie man Nein sagt. Weil ich dachte, das ist meine Pflicht. Weil da draußen Menschen auf mich warten. Heute weiß ich: Das ist kein Heldentum. Das ist der Anfang vom Zusammenbruch.

„Die Dietrich: Perfektion ist in unserer Gesellschaft ein Ideal – besonders für Frauen. Empfindest du Perfektion als Befreiung oder als Käfig?

Helene: „Als Käfig. Mit sehr schönen Gitterstäben. Du wohnst darin, du richtest es ein, du dekorierst es – und irgendwann merkst du, dass du nicht mehr rauskommst. Oder schlimmer: dass du Angst davor hast, rauszugehen. Weil du nicht weißt, wer du bist, wenn du nicht perfekt bist.

“Die Dietrich: Was hast du aufgegeben, um das zu werden, was du bist?

Helene: (Langer Blick aus dem Fenster.)„Die Gleichgültigkeit. Ich meine das ernst. Als junger Mensch hat man so eine Art… Unbeschwertheit. Man scheitert und es ist egal. Man fängt neu an. Irgendwann steht so viel auf dem Spiel, dass jeder Fehler sich wie eine Katastrophe anfühlt. Ich hab aufgehört, Fehler als Teil des Lebens zu sehen. Das war der größte Verlust.“

BLOCK 3 · Die Frau

Die Dietrich: Dein Körper ist Teil deiner Marke. Wie gehst du damit um, dass Millionen Menschen eine Meinung über deinen Körper haben?

Helene: „Ich hab gelernt, es zu ignorieren. Aber das klingt einfacher als es ist. Wenn du aufwächst in einer Industrie, die deinen Körper bewertet wie ein Produkt – zu dünn, zu kurvig, zu viel, zu wenig – dann internalisierst du das irgendwann. Du fängst an, dich selbst so zu bewerten. Das war mein dunkelster Kampf.

Einer, den die Öffentlichkeit nicht gesehen hat.“

Die Dietrich: Die Unterhaltungsindustrie belohnt Frauen für ihr Aussehen und bestraft sie gleichzeitig dafür, wenn sie zu viel davon zeigen. Hast du das erlebt?

Helene: „Täglich. Du wirst für deine Bühnenoutfits gefeiert und gleichzeitig als Objekt behandelt. Du wirst bewundert und gleichzeitig nicht ernst genommen. Es ist ein Spiel, bei dem du immer verlierst – egal wie du spielst. Der einzige Ausweg ist, die Regeln zu verweigern. Das hab ich zu spät gelernt.

„Die Dietrich: Was hat sich in deinem Verhältnis zu dir selbst verändert – mit Anfang 40 im Vergleich zu früher?

Helene: (Sie lächelt. Zum ersten Mal wirklich.)„Ich mag mich mehr. Das klingt banal, aber es ist das Ehrlichste, was ich sagen kann. Ich hab aufgehört, mich zu entschuldigen. Für mein Aussehen, für meine Meinung, für meine Stimmung. Ich bin nicht mehr so… gefällig. Und das fühlt sich verdammt gut an.

„Die Dietrich: Wann hast du das erste Mal gespürt, dass du als Frau anders bewertet wirst als deine männlichen Kollegen?

Helene: „Mit Anfang 20, bei einem meiner ersten Gespräche mit einem Label-Vertreter. Er hat mir erklärt, was ich anziehen soll, wie ich stehen soll, wie ich lächeln soll. Ich hab genickt. Ich hab nicht widersprochen. Ich wünschte, ich hätte es getan. Aber ich war jung und hatte Angst, diesen Platz zu verlieren. Das war falsch. Der Platz war sowieso nicht der richtige.

„Die Dietrich: Was würdest du einer 25-jährigen Frau sagen, die so werden will wie Helene Fischer?

Helene: „Werd nicht wie ich. Werd wie du. Finde deine eigene Sprache, deinen eigenen Sound, deinen eigenen Weg. Und wenn jemand versucht, dich umzuformen – geh. Geh sofort.“

BLOCK 4 · Das Leben

Die Dietrich: Du bist Mutter geworden. Was hat das mit deinem Blick auf die Welt gemacht?

Helene: (Die Antwort kommt langsam, als würde sie die richtigen Worte suchen.)„Es hat mich geerdet. Wirklich. Vorher war mein Leben sehr nach außen gerichtet. Bühnen, Menschen, Applaus. Plötzlich ist da jemand, dem das alles vollkommen egal ist. Der mich braucht, nicht Helene Fischer. Das ist das Befreiendste, was mir je passiert ist.

„Die Dietrich: Gibt es Momente in deinem Leben, die die Öffentlichkeit nie gesehen hat – und die dich am meisten geprägt haben?

Helene: „Sehr viele. Verluste, Abschiede, Momente der völligen Orientierungslosigkeit. Ich hab in meinem Leben öfter weinend auf dem Badezimmerboden gesessen als die Öffentlichkeit ahnt. Und ich glaube, das ist okay. Das macht einen nicht schwach – das macht einen menschlich.

„Die Dietrich: Was brauchst du, um glücklich zu sein? Nicht als Star. Als Mensch.

Helene: „Morgens Zeit. Stille am Morgen, bevor der Tag beginnt. Gutes Essen. Lachen. Echte Gespräche – nicht Small Talk, nicht Interviews (sie grinst) – sondern Gespräche, wo man danach anders denkt als vorher. Und das Meer. Ich brauche das Meer regelmäßig, um wieder klar zu werden.

„Die Dietrich: Stille ist in deinem Beruf ein Fremdwort. Wie hältst du es aus, wenn der Lärm aufhört?

Helene: „Früher gar nicht. Ich hab die Stille gefüllt, mit Arbeit, mit Plänen, mit Ablenkung. Heute such ich sie. Ich glaube, das ist das Zeichen, dass es mir besser geht. Wenn man Stille aushält, hat man keine Angst mehr vor sich selbst.

„Die Dietrich: Was ist die mutigste Entscheidung, die du je getroffen hast?

Helene: „Aufzuhören zu funktionieren. Den Moment zuzulassen, wo man sagt: Ich brauche Hilfe. Ich brauche Pause. Ich bin nicht unzerstörbar. Das hat mir niemand beigebracht. Das musste ich alleine lernen. Und es war das Schwerste und das Richtigste zugleich.“

BLOCK 5 · Die Fragen, die sonst niemand stellt

Die Dietrich: Was denkst du, wenn du dir alte Interviews ansiehst?

Helene: (Sie lacht laut. Ehrlich.)„Dass ich so fleißig war, nichts zu sagen. Ich war eine Meisterin der netten, harmlosen Antwort. Alles wunderbar, alles dankbar, alles positiv. Ich hab mich selbst zensiert, bevor irgendjemand anderes es hätte tun können. Das war kein Schutz. Das war Kapitulation.

„Die Dietrich: Gibt es eine Frage, die dir noch nie jemand gestellt hat – und die du dir selbst manchmal stellst?

Helene: (Lange Stille.)„Ob ich das alles nochmal genauso machen würde. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich liebe meine Musik. Ich liebe die Momente auf der Bühne, wenn alles stimmt. Aber der Preis war hoch. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn nochmal zahlen würde. Diese Unsicherheit – die lasse ich jetzt einfach stehen.

„Die Dietrich: Was würde Helene Fischer tun, wenn sie morgen niemand mehr kennen würde?

Helene: „Singen. Ganz sicher singen. Aber vielleicht in einer kleinen Bar. Mit einem Glas Wein auf dem Klavier. Ohne Pyrotechnik. (Pause.) Das klingt herrlich, wenn ich es so sage.

„Die Dietrich: Hast du Angst vor dem Tag, an dem der Applaus ausbleibt?

Helene: „Ich hatte. Ich hab mir eingebildet, ohne Applaus aufzuhören zu existieren. Das war der größte Irrtum meines Lebens. Der Applaus ist nicht ich. Ich bin ich. Das zu wissen hat länger gedauert als es sollte.

„Die Dietrich: Wer bist du, wenn du nicht Helene Fischer sein musst?

Helene: (Sie lehnt sich zurück. Schaut zur Decke. Dann wieder direkt in die Kamera.)„Jemand, der gerade anfängt, das herauszufinden. Und zum ersten Mal in meinem Leben – macht mir diese Frage keine Angst mehr. Eher… Neugier. Das ist neu. Das ist gut.“

Das Interview endet. Sie steht auf, schüttelt die Hand, sagt: „Danke – das war ein echtes Gespräch.“ Dann geht sie. Ohne Entourage. Durch den Regen.Draußen dreht sie sich noch einmal um: „Schreiben Sie das so, wie es war. Nicht so, wie es klingen soll.“Haben wir.

Interview: Die Dietrich Redaktion | Anuschka Wienerl

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