Ein Interview mit Helene Fischer „Ich war nie die, die ihr dachtet „

„Ich war nie die, die ihr dachtet“
Ein Die Dietrich-Gespräch mit Helene Fischer
BLOCK 1 · Das Bild
BLOCK 2 · Die Arbeit
BLOCK 3 · Die Frau
Die Dietrich: Dein Körper ist Teil deiner Marke. Wie gehst du damit um, dass Millionen Menschen eine Meinung über deinen Körper haben?
Helene: „Ich hab gelernt, es zu ignorieren. Aber das klingt einfacher als es ist. Wenn du aufwächst in einer Industrie, die deinen Körper bewertet wie ein Produkt – zu dünn, zu kurvig, zu viel, zu wenig – dann internalisierst du das irgendwann. Du fängst an, dich selbst so zu bewerten. Das war mein dunkelster Kampf.
Einer, den die Öffentlichkeit nicht gesehen hat.“
Die Dietrich: Die Unterhaltungsindustrie belohnt Frauen für ihr Aussehen und bestraft sie gleichzeitig dafür, wenn sie zu viel davon zeigen. Hast du das erlebt?
Helene: „Täglich. Du wirst für deine Bühnenoutfits gefeiert und gleichzeitig als Objekt behandelt. Du wirst bewundert und gleichzeitig nicht ernst genommen. Es ist ein Spiel, bei dem du immer verlierst – egal wie du spielst. Der einzige Ausweg ist, die Regeln zu verweigern. Das hab ich zu spät gelernt.
„Die Dietrich: Was hat sich in deinem Verhältnis zu dir selbst verändert – mit Anfang 40 im Vergleich zu früher?
Helene: (Sie lächelt. Zum ersten Mal wirklich.)„Ich mag mich mehr. Das klingt banal, aber es ist das Ehrlichste, was ich sagen kann. Ich hab aufgehört, mich zu entschuldigen. Für mein Aussehen, für meine Meinung, für meine Stimmung. Ich bin nicht mehr so… gefällig. Und das fühlt sich verdammt gut an.
„Die Dietrich: Wann hast du das erste Mal gespürt, dass du als Frau anders bewertet wirst als deine männlichen Kollegen?
Helene: „Mit Anfang 20, bei einem meiner ersten Gespräche mit einem Label-Vertreter. Er hat mir erklärt, was ich anziehen soll, wie ich stehen soll, wie ich lächeln soll. Ich hab genickt. Ich hab nicht widersprochen. Ich wünschte, ich hätte es getan. Aber ich war jung und hatte Angst, diesen Platz zu verlieren. Das war falsch. Der Platz war sowieso nicht der richtige.
„Die Dietrich: Was würdest du einer 25-jährigen Frau sagen, die so werden will wie Helene Fischer?
Helene: „Werd nicht wie ich. Werd wie du. Finde deine eigene Sprache, deinen eigenen Sound, deinen eigenen Weg. Und wenn jemand versucht, dich umzuformen – geh. Geh sofort.“
BLOCK 4 · Das Leben
Die Dietrich: Du bist Mutter geworden. Was hat das mit deinem Blick auf die Welt gemacht?
Helene: (Die Antwort kommt langsam, als würde sie die richtigen Worte suchen.)„Es hat mich geerdet. Wirklich. Vorher war mein Leben sehr nach außen gerichtet. Bühnen, Menschen, Applaus. Plötzlich ist da jemand, dem das alles vollkommen egal ist. Der mich braucht, nicht Helene Fischer. Das ist das Befreiendste, was mir je passiert ist.
„Die Dietrich: Gibt es Momente in deinem Leben, die die Öffentlichkeit nie gesehen hat – und die dich am meisten geprägt haben?
Helene: „Sehr viele. Verluste, Abschiede, Momente der völligen Orientierungslosigkeit. Ich hab in meinem Leben öfter weinend auf dem Badezimmerboden gesessen als die Öffentlichkeit ahnt. Und ich glaube, das ist okay. Das macht einen nicht schwach – das macht einen menschlich.
„Die Dietrich: Was brauchst du, um glücklich zu sein? Nicht als Star. Als Mensch.
Helene: „Morgens Zeit. Stille am Morgen, bevor der Tag beginnt. Gutes Essen. Lachen. Echte Gespräche – nicht Small Talk, nicht Interviews (sie grinst) – sondern Gespräche, wo man danach anders denkt als vorher. Und das Meer. Ich brauche das Meer regelmäßig, um wieder klar zu werden.
„Die Dietrich: Stille ist in deinem Beruf ein Fremdwort. Wie hältst du es aus, wenn der Lärm aufhört?
Helene: „Früher gar nicht. Ich hab die Stille gefüllt, mit Arbeit, mit Plänen, mit Ablenkung. Heute such ich sie. Ich glaube, das ist das Zeichen, dass es mir besser geht. Wenn man Stille aushält, hat man keine Angst mehr vor sich selbst.
„Die Dietrich: Was ist die mutigste Entscheidung, die du je getroffen hast?
Helene: „Aufzuhören zu funktionieren. Den Moment zuzulassen, wo man sagt: Ich brauche Hilfe. Ich brauche Pause. Ich bin nicht unzerstörbar. Das hat mir niemand beigebracht. Das musste ich alleine lernen. Und es war das Schwerste und das Richtigste zugleich.“
BLOCK 5 · Die Fragen, die sonst niemand stellt
Die Dietrich: Was denkst du, wenn du dir alte Interviews ansiehst?
Helene: (Sie lacht laut. Ehrlich.)„Dass ich so fleißig war, nichts zu sagen. Ich war eine Meisterin der netten, harmlosen Antwort. Alles wunderbar, alles dankbar, alles positiv. Ich hab mich selbst zensiert, bevor irgendjemand anderes es hätte tun können. Das war kein Schutz. Das war Kapitulation.
„Die Dietrich: Gibt es eine Frage, die dir noch nie jemand gestellt hat – und die du dir selbst manchmal stellst?
Helene: (Lange Stille.)„Ob ich das alles nochmal genauso machen würde. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich liebe meine Musik. Ich liebe die Momente auf der Bühne, wenn alles stimmt. Aber der Preis war hoch. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn nochmal zahlen würde. Diese Unsicherheit – die lasse ich jetzt einfach stehen.
„Die Dietrich: Was würde Helene Fischer tun, wenn sie morgen niemand mehr kennen würde?
Helene: „Singen. Ganz sicher singen. Aber vielleicht in einer kleinen Bar. Mit einem Glas Wein auf dem Klavier. Ohne Pyrotechnik. (Pause.) Das klingt herrlich, wenn ich es so sage.
„Die Dietrich: Hast du Angst vor dem Tag, an dem der Applaus ausbleibt?
Helene: „Ich hatte. Ich hab mir eingebildet, ohne Applaus aufzuhören zu existieren. Das war der größte Irrtum meines Lebens. Der Applaus ist nicht ich. Ich bin ich. Das zu wissen hat länger gedauert als es sollte.
„Die Dietrich: Wer bist du, wenn du nicht Helene Fischer sein musst?
Helene: (Sie lehnt sich zurück. Schaut zur Decke. Dann wieder direkt in die Kamera.)„Jemand, der gerade anfängt, das herauszufinden. Und zum ersten Mal in meinem Leben – macht mir diese Frage keine Angst mehr. Eher… Neugier. Das ist neu. Das ist gut.“
Das Interview endet. Sie steht auf, schüttelt die Hand, sagt: „Danke – das war ein echtes Gespräch.“ Dann geht sie. Ohne Entourage. Durch den Regen.Draußen dreht sie sich noch einmal um: „Schreiben Sie das so, wie es war. Nicht so, wie es klingen soll.“Haben wir.
Interview: Die Dietrich Redaktion | Anuschka Wienerl











