Ein Interview mit Modeikone Karl lagerfeld
Hinter den Kulissen: Das Berlin-ProtokollEin exklusives Gespräch zwischen Karl Lagerfeld und Anuschka für das Magazin Die Dietrich Einleitung: In einer Suite im Hotel Adlon, BerlinZeit: Ein kühler Nachmittag im Jahr 2017Atmosphäre: Der Duft von frischer Leinwand und Diät-Cola liegt in der Luft. Lagerfeld,…

Hinter den Kulissen: Das Berlin-Protokoll
Ein exklusives Gespräch zwischen Karl Lagerfeld und Anuschka für das Magazin Die Dietrich
Einleitung: In einer Suite im Hotel Adlon, Berlin
Zeit: Ein kühler Nachmittag im Jahr 2017
Atmosphäre: Der Duft von frischer Leinwand und Diät-Cola liegt in der Luft. Lagerfeld, in makellosem Hemd mit hohem Kragen und seinen ikonischen Handschuhen, wirkt gleichermaßen distanziert wie hellwach.

Die Dietrich: Herr Lagerfeld, wir befinden uns hier in Berlin, einer Stadt, die oft zwischen rauer Schnauze und extremer Eleganz schwankt. Fühlen Sie sich dieser Dynamik noch verbunden?
Karl Lagerfeld: Berlin hat eine Energie, die man nirgendwo sonst findet. Es ist keine Stadt, die versucht, etwas zu sein – sie ist es einfach. Mode ist hier oft ein Statement gegen das Etablierte. Das gefällt mir. Eleganz ist ja kein Zustand, den man kauft, sondern eine Einstellung, die man lebt. Wer sich in Berlin bemüht, elegant zu sein, hat meist schon verloren. Man muss es beiläufig tun.
Die Dietrich: Sie gelten als Visionär, der das Rad der Mode niemals stillstehen lässt. Wie sieht Ihr kreativer Prozess aus, wenn Sie eine neue Kollektion entwerfen? Beginnt es mit einem Stoff, einem Gesicht oder einem Gefühl?
Karl Lagerfeld: Es beginnt mit einer Unzufriedenheit. Wenn man mit dem zufrieden ist, was man gestern getan hat, sollte man aufhören. Ich zeichne alles selbst. Das Papier ist mein bester Freund. Ein Entwurf muss fließen. Ich sehe das fertige Kleidungsstück vor mir, bevor die Schere den Stoff berührt. Es ist eine Mischung aus totaler Disziplin und dem Mut, alles im letzten Moment wegzuwerfen.
Die Dietrich: Das klingt nach einer enormen Herausforderung. Die Modeindustrie hat sich durch die Digitalisierung radikal beschleunigt. Macht Ihnen dieses Tempo Angst?
Karl Lagerfeld: Angst ist ein Wort für Leute, die keine Termine haben. Das Tempo ist eine Stimulation. Das Problem der heutigen Welt ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Nostalgie. Die Leute klammern sich an die Vergangenheit, als wäre sie ein Rettungsring. Ich interessiere mich nicht für das, was ich vor zehn Jahren gemacht habe.

Die nächste Kollektion ist die einzige, die zählt.
Die Dietrich: Unser Magazin trägt den Namen Die Dietrich. Marlene Dietrich war eine Frau, die Disziplin und Stil perfektionierte. Sehen Sie Parallelen zwischen ihrem Vermächtnis und Ihren eigenen Ansprüchen?
Karl Lagerfeld: Marlene war eine Konstruktion der Perfektion. Sie wusste um die Macht der Silhouette. Das ist es, was wir heute oft vergessen: Mode ist Architektur für den Körper. Meine Ansprüche sind ähnlich unerbittlich. Ich bin ein Ein-Mann-Betrieb mit einer Armee von Talenten hinter mir. Aber am Ende des Tages muss die Vision klar sein – wie ein lasergesteuerter Strahl.
Die Dietrich: Wenn Sie auf die Modewelt von heute blicken – was ist die größte Herausforderung für junge Designer?
Karl Lagerfeld: Das Überleben der eigenen Identität im Rauschen der sozialen Medien. Jeder will berühmt sein, aber niemand will die Arbeit investieren. Man muss ein Handwerker sein, bevor man ein Künstler sein darf. Und man darf sich selbst nie zu ernst nehmen. Wer sich selbst als Denkmal betrachtet, fängt an zu stauben.

Fokus Fotografie & Die unendliche Bibliothek
Die Dietrich: Herr Lagerfeld, man sieht Sie selten ohne Kamera, wenn Sie nicht gerade zeichnen. Sie haben einmal gesagt, Fotografie sei für Sie eine Art, das flüchtige Leben festzuhalten. Was gibt Ihnen das Objektiv, das die Skizze Ihnen nicht geben kann?
Karl Lagerfeld: Die Fotografie ist eine andere Form der Gier. Mit der Zeichnung erschaffe ich etwas aus dem Nichts, aber mit der Kamera raube ich dem Moment seine Vergänglichkeit. Ein Foto ist das einzige, was von einer Sekunde übrig bleibt, die nie wiederkehrt. Es ist eine visuelle Notiz. Ich kann nicht verstehen, wie man die Welt betrachten kann, ohne sie festhalten zu wollen. Für mich ist ein Tag ohne Arbeit, ohne ein Bild zu machen, ein verlorener Tag.
Die Dietrich: Sie fotografieren nicht nur Mode, sondern auch Architektur, Landschaften und Porträts. Gibt es ein Motiv, das Sie noch immer herausfordert?
Karl Lagerfeld: Das Licht. Licht ist alles. Man kann das schönste Model der Welt vor der Linse haben – wenn das Licht dilettantisch ist, ist das Bild wertlos. Ich experimentiere viel, zum Beispiel mit alten Drucktechniken oder Platin-Drucken. Ich mag das Handwerkliche daran. Fotografie ist heute oft zu sauber, zu digital. Ich will, dass ein Foto eine Seele hat, eine Tiefe, die man fast mit den Fingern spüren kann.

Die Dietrich: Kommen wir zu Ihrer legendären Bibliothek. Man sagt, Sie besitzen über 300.000 Bücher. In Berlin stapeln sie sich horizontal bis an die Decken. Ist das Sammeln eine Leidenschaft oder bereits eine Obsession?
Karl Lagerfeld: (lacht) Es ist eine Krankheit, aber eine sehr gesunde. Bücher sind für mich wie eine Droge ohne Nebenwirkungen – außer vielleicht, dass der Platz in der Wohnung knapp wird. Ich lebe in einem Wald aus Papier. Ich brauche das Physische. Ein E-Book ist für mich wie Plastikblumen. Der Geruch eines frisch gedruckten Buches ist das beste Parfum der Welt.
Die Dietrich: Lesen Sie all diese Bücher tatsächlich, oder dienen sie primär als Inspirationsquelle für Ihre Arbeit?
Karl Lagerfeld: Ich lese ständig. Ich bin ein „Paper-Freak“. Wenn ich eine Information brauche, will ich sie sofort finden. Meine Bibliothek ist nach Themen geordnet, aber auf eine Weise, die nur ich verstehe. Es ist ein Archiv des menschlichen Geistes. Architektur, Geschichte, Poesie, Mode – alles ist miteinander verbunden. Man kann keine moderne Mode machen, wenn man nicht weiß, was vor 300 Jahren getragen wurde oder wie ein Gebäude in Japan konstruiert ist. Wissen ist das einzige Accessoire, das nie aus der Mode kommt.
Die Dietrich: Sie arbeiten eng mit dem Verleger Gerhard Steidl zusammen und haben sogar Ihre eigene Buchhandlung, die 7L in Paris, gegründet. Ist das Büchermachen für Sie eine Form der Selbstverewigung?
Karl Lagerfeld: Überhaupt nicht. Ich hasse das Wort „Ewigkeit“. Das ist etwas für Friedhöfe. Ich mache Bücher, weil ich den Prozess liebe. Die Zusammenarbeit mit Steidl ist wie eine chemische Reaktion – wir jagen beide der Perfektion im Druck hinterher. Ein Buch ist ein fertiges Objekt, das man weitergeben kann. Es ist Kommunikation in ihrer reinsten Form.

Die Dietrich: Wenn Sie sich entscheiden müssten: Die letzte Kamera oder das letzte Buch?
Karl Lagerfeld: Das ist eine unmögliche Frage. Das wäre so, als würde man mich fragen, ob ich lieber atmen oder essen möchte. Ohne Bilder ist die Welt blind, und ohne Bücher ist sie stumm. Ich ziehe es vor, beides bis zum letzten Moment zu behalten.
Die Dietrich: Ein schlussendliches Wort zu Berlin?
Karl Lagerfeld: Es ist immer eine Reise wert, solange man weiß, wo der Ausgang zum Flughafen ist. Man muss immer in Bewegung bleiben, n’est-ce pas?
Redaktioneller Nachtrag:
Dieses Gespräch mit Anuschka fing einen Moment ein, der Lagerfeld so zeigte, wie er war: scharfzüngig, präzise und seiner Zeit stets einen Schritt voraus. Ein Treffen, das uns lehrte, dass Stil die einzige Konstante in einer flüchtigen Welt ist.

Hintergrund-Infos der Redaktion
Die Sammlung: Lagerfelds Privatbibliothek in Paris und Biarritz umfasste tatsächlich schätzungsweise 300.000 Bände. Er ließ spezielle Regale anfertigen, in denen die Bücher horizontal gestapelt wurden, damit er die Titel auf den Buchrücken besser lesen konnte, ohne den Kopf schief zu halten.
Die Fotografie: Seit 1987 fotografierte Lagerfeld fast alle Chanel-Kampagnen selbst. Seine Arbeiten wurden in internationalen Museen wie dem Palazzo Pitti in Florenz oder der Pinakothek der Moderne in München ausgestellt.
Librairie 7L: Die von ihm 1999 gegründete Buchhandlung in der Rue de Lille in Paris ist bis heute ein Mekka für Liebhaber von Bildbänden über Fotografie, Design und Architektur.

