Interview mit Fantasy Autorin JULIA DIPPEL

Interview mit Fantasy Autorin Julia Dippel,Bestseller Autorin, Theaterregisseurin und Dozentin.  Eintiefgehendes Interview über Kunst, Kreativität und die Magie beim Schreiben vonGeschichten.   Julia Dippel ist nicht nur eine derbekanntesten deutschen Fantasy-Autorinnen, sondern auch Theaterregisseurin,Dozentin und leidenschaftliche Erzählerin. Nach Erfolgsreihen wie Izara undCassardim entführt…




Interview mit Fantasy Autorin Julia Dippel,
Bestseller Autorin, Theaterregisseurin und Dozentin.

 Ein
tiefgehendes Interview über Kunst, Kreativität und die Magie beim Schreiben von
Geschichten.

 

Julia Dippel ist nicht nur eine der
bekanntesten deutschen Fantasy-Autorinnen, sondern auch Theaterregisseurin,
Dozentin und leidenschaftliche Erzählerin. Nach Erfolgsreihen wie Izara und
Cassardim entführt sie ihre Leser*innen nun mit Velvet Falls, but the Gods
forgot to die in eine Neue, bildgewaltige Welt. Dieses Gespräch möchte tiefer
gehen – hinter die Kulissen der Bühne. Und des Schreibens, zu der Frage, woher
Geschichten kommen und was Kreativität bedeutet.

 

Du wurdest 1984 in München geboren – einer
Stadt mit großer Theater- und Kunsttradition. Kannst du dich an einen Moment in
deiner Jugend erinnern, in dem du gespürt hast: Da ist meine Welt – Bühne,
Sprache, Ausdruck?

 

Tatsächlich nicht in einem öffentlichen
Theater, sondern im Schultheater. Da hat mich in der 7. Klasse eine
Musiklehrerin gefragt ob ich nicht in den großen Chor gehen will, obwohl ich
noch Unterstufe war, und irgendwie bin ich dann da reingerutscht. Die haben ein
riesiges Projekt gemacht, das erste Mal wieder Theater an dieser Schule: den
Sommernachtstraum. Ich habe von dem Sommernachtstraum auch gar nicht viel
gesehen. Ich habe einfach diese Atmosphäre in den Probezeiten gespürt. Wie alle
zusammengehalten haben: Das Orchester hat mitgespielt, Sport den Tanz gemacht
hat und so war die ganze Schule irgendwie involviert. Ich saß über der Bühne
auf einer Empore. Ich habe quasi gar nicht mitbekommen was auf der Bühne los
war, aber ich habe alles gehört, die Zuschauer gesehen, den Raum wie er dann
immer anders beleuchtet war. Wir haben 3 oder 4 Vorstellungen gehabt, das weiß
ich wirklich noch wie gestern, wie ich dann immer dazwischen saß und nur
gedacht habe: „Das ist soo cool! Das ist soo cool!“ Es ist so eine krasse
Stimmung und es sind so viele tolle Emotionen die aufkommen. Da habe ich
irgendwie gewusst: Das will ich machen. Und danach bin ich dann ins
Schultheater, nicht in den Chor, gegangen und seitdem hat mich das Ganze nicht
mehr losgelassen.“

 

Seit über 15 Jahren unterrichtest du Kinder
und Jugendliche im „Dramatischen Gestalten“. Welche Erkenntnisse hast du aus
dieser Arbeit gewonnen, die dich auch beim Schrieben begleiten? 

Ich glaube die Zusammenarbeit mit ganz vielen
verschiedenen Charakteren, die man einfach nicht nur auf der Bühne erlebt,
sondern auch wie sie arbeiten und was sie brauchen. Das hat mich schon sehr
darin geprägt Leute und Handlungen zu analysieren und zu erkennen, wo die
Motivationen sind. Und das ist ein Großteil dessen, was man braucht, wenn man
Charaktere erschafft. Eine wichtige Rolle hat auch mein Mentor gespielt, der
kein Lehrer war, sondern ein Profiregisseur und Musiker. Er hat mir wahnsinnig
viele Dinge an Handwerk beigebracht, von denen ich heute noch profitiere, als
Regisseurin und als Autorin. Ansonsten, ich sage es mit aller Liebe, ist die
Arbeit mit den Theaterkids eine Masterclass in Katastrophen Management, weil
man einfach wirklich lernt ein bisschen mehr Buddha zu sein. Sodas man egal was
ist, einfach eine Selbstsicherheit hat, dass es irgendwie schon gut wird. Wenn
das Backup gerade nicht funktioniert, eine Deadline oder die Selbstzweifel
drücken und immer wieder die Frage aufkommt ‚Schaffst du es oder schaffst du es
nicht?‘, in solchen Momenten profitiere ich natürlich sehr davon.

 

Gibt es ein Projekt oder eine Inszenierung aus deiner Theaterzeit, das
bzw. Die dich noch heute innerlich begleitet – vielleicht, weil dir dort etwas
über das Erzählen klar geworden ist?

Das ist zum einen sicherlich der Sommertraum, den ich jetzt auch
fünfmal schon selber inszeniert habe und zum anderen ist es „Posalca – die
Oper“. Vor allem, weil ich parallel zu diesen Projekten immer wieder mit
verschiedenen Leuten über Dinge gesprochen habe. Ganz besonders die Frage: „Mit
dem gehe ich durch diese Geschichte? Also wer ist der eigentliche
Sympathieträger oder nicht Sympathieträger? Wer ist derjenige, bei dem die
Zuschauer einfach ein Interesse haben, wie diese Geschichte ausgeht?“ In einem
Buch hat man ganz oft eben einen Protagonisten oder eine Protagonistin.
Manchmal auch mehrere, aber im Genre Fantasy eher ein bis zwei. Da ist es oft
klarer als im Theater, wo es auch ganz viele Personen geben kann. Manchmal gibt
es auch die eine Hauptrolle, aber nicht immer und dann muss man sich
entscheiden: Was ist die Geschichte, die ich erzählen möchte? Wo liegt der
Schwerpunkt meiner Erzählung? Mein Theaterlehrer hat immer gesagt: „Versuch mal
eine Geschichte auf drei Personen runter zu brechen. Welche drei sind das?
Streich alle raus, alle anderen die du gerade nicht brauchst. Dann hast du den
Schwerpunkt deiner Geschichte.“ Wenn wir jetzt zum Beispiel Harry Potter
nehmen, kann man sagen man bricht es auf die drei Freunde runter, dann hat man
eine Geschichte von Freundschaft. Wenn man es auf Harry, Dumbledore und
Voldemort runterbricht, dann hat man eine „Gut gegen Böse“Sache. Je nachdem wo
man diese Schwerpunkte setzt, weiß man dann mit wem man durch die Geschichte
geht und was man eigentlich erzählen möchte. Das habe ich vor allem gelernt
beim Sommernachtstraum oder mit dem Sommernachtstraum. Immer wieder neu zu
überlegen, wo ich meine Schwerpunkte bei einem Stück setze, das ich so oft
inszeniert habe. Bei der Oper Rusalka habe ich vor allem gelernt wie viel
Licht, Optik und Atmosphäre zu einer Geschichte beitragen können. Rusalka,
praktisch die tschechische Variante von Ariel die kleine Meerjungfrau, ist sehr
mystisch und märchenhaft. Das kann man nicht einfach auf einer leeren Bühne
spielen, also kann man schon aber dann erzählt man halt nicht das Märchen.

 

Im Theater entsteht vieles durch Raum, Licht und Bewegung – im Roman
allein durch Sprache. Wie übersetzt du das Visuelle in die Imagination der
Literatur?

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, diese Aspekte also dieses
Handwerk vom Theater, dass ich das da mitnehme und sage ja das Licht ist
wichtig, weil das Licht eine Stimmung macht. Ich habe sehr lange eben damit
gearbeitet zu sagen, wenn das Licht zwei Grad wärmer ist von der Farbtemperatur
ist, gibt es ein anderes Bild und deswegen ist, wenn ich ein neues Setting oder
so einführe in einem Buch sind es genau diese Aspekte, die ich möglichst zuerst
beschreibe. Also wenn ich sage, ich gehe jetzt in eine Bibliothek rein, dann
sage ich im besten Falle nicht das sind Regalreihen voller Bücher, weil dann
stellen sich alle Regalreihen voller Bücher vor und machen im Kopf schon ihr
eigenes Licht dazu z.B. dann ist es halt die Bibliothek in die sie immer gehen.
Wenn ich aber als Erstes sage, es ist irgendwie ein schummriges Licht, in dem
die Regale stehen, dann kommt ein anderes Bild rein. Also was ist der erste
Eindruck von einem Raum, den ich habe den ich mir dann vorstelle ist es
vielleicht der Geruch. Wenn ich reinkomme, was ist das Erste was das ganze
diese Stimmung prägt? Ich habe den Nachteil oder vielleicht auch Vorteil das
ich zu einem gewissen Grad Afantasie habe. Wenn Leute gesagt haben ich sehe
immer einen Film, wenn ich ein Buch lese oder wenn ich ein Buch schreibe, habe
ich gesagt jaja ich auch. Weil das für mich so ganz logisch und
selbstverständlich war. Aber ich sehe das eigentlich gar nicht, ich fühle das.
Also, auch wenn ich jetzt sag, stell dir einen roten Apfel vor. Ich weiß wie,
der ausschaut aber ich sehe kein Bild. Ich habe im Zweifel das Gefühl von einem
Apfel. Oder wenn ich ein Haus anschaue und sage ich möchte das beschreiben dann
ist es mir völlig egal, ob das jetzt 3 Fensterreihen sind oder sieben oder
sonst was. Aber es geht um das Gefühl, was ich habe, wenn ich vor diesem Haus
stehe. Ist es so ein altes Haus? Schüchtert es mich ein? Lädt es mich das ein?
Was ist der Vibe von dieser Situation? Und genau das versuche ich halt zu
beschreiben. Das heißt, ich schreibe so lange rum und formuliere solange bis
ich beim Lesen diesen Vibe dann spüre und habe und glaube eingefangen zu haben.
Und deswegen sind dann manchmal manche Details unwichtig und dafür eben Dinge
wie das Licht, ein Geruch und ein Eindruck wichtiger als jetzt die genaue
Anzahl der Ziegel und der Dachrinnen oder so. Und so versuche ich das
eigentlich in meinen Büchern auch immer zu übertragen.

 

Wenn du schreibst, denkst du szenisch? Haben deine Kapitel eine Art
Regiebuch in deinem Kopf?

Ja, ich schriebe tatsächlich immer erst die Dialoge. Ich schreibe es
erstmal wie ein Theaterstück oder ein Drehbuch runter. Erst die Dialoge mit
mini Regieanweisungen und danach inszeniere ich quasi noch mal mit Worten in
einem zweiten Durchgang. Das mache ich, weil ich finde das mein Kopf oft zu
schnell ist. Das heißt, ich verliere das Gefühl für die Szene, für das Tempo im
Dialog, für die Charaktere. Ich muss erst voll bei den Charakteren sein und die
Dialoge runterschreiben. Der zweite Durchgang ist dann eher Arbeit, weil ich
schauen muss wie ich den Vibe dieser Szene nochmal in Worte einfangen kann. Ich
mache mir zwar keinen Plan, aber ich denke absolut szenisch.

 

Theater ist Teamarbeit, schreiben meistens einsam. Wie erlebst du
diesen Kontrast zwischen Gemeinschaft auf der Bühne und Alleinsein am
Schreibtisch?

Das ist weniger Kontrast als man denkt, weil man auch im Theater in der
Regieposition allein ist. Man ist derjenige, der die Visionen hat von dieser
Szene. Man muss versuchen es den Leuten quasi zu erklären und es so
rüberbringen, dass sie es genauso spielen wie man es gerne hätte. Aber man ist
immer irgendwie eine Empfangsperson, eine Außen-Vor-Person. Eine Person, die
auch bewertet. Nicht unbedingt in einem Notensystem, aber halt auch mal sagt:
„Ne, das hat es gerade noch nicht getroffen.“ Dadurch ist zwar die
Zusammenarbeit Ich lege Wert drauf, dass die Zusammenarbeit auch menschlich ist
und deswegen kann ich es auch nicht sein lassen. Ich brauche diese
Zusammenarbeit mit Leuten. Aber diese Position als Regisseurin ist irgendwie
auch einsam, weil man eine außen Sicht hat, da ist tatsächlich eine gute
Regieassistenz und Dramaturgin neben sich, die auch diese Außensicht hat, der

Berührungspunkt, damit man nicht so ganz allein ist. Beim Schreiben hat
man genau das auch. Ob man diese Zusammenarbeit direkt schon mit der Lektorin
macht oder ein/zwei Leute hat, die so Kapitelweise mitlesen, das funktioniert
dann auch. Der Unterschied besteht eigentlich eher darin, dass die Bücher
komplett aus meinem Kopf kommen. Und man quasi mehr von sich preisgibt als beim
Inszenieren von bestehenden Stücken. Ein tiefgehendes Interview über Kunst,
Kreativität und die Magie beim Schreiben von Geschichten.

Julia Dippel ist nicht nur eine der bekanntesten deutschen
Fantasy-Autorinnen, sondern auch Theaterregisseurin, Dozentin und
leidenschaftliche Erzählerin. Nach Erfolgsreihen wie Izara und Cassardim
entführt sie ihre Leser*innen nun mit Velvet Falls, but the Gods forgot to die
in eine Neue, bildgewaltige Welt. Dieses Gespräch möchte tiefer gehen – hinter
die Kulissen der Bühne. Und des Schreibens, zu der Frage, woher Geschichten
kommen und was Kreativität bedeutet.

 

Du wurdest 1984 in München geboren – einer Stadt mit großer Theater-
und Kunsttradition. Kannst du dich an einen Moment in deiner Jugend erinnern,
in dem du gespürt hast: Da ist meine Welt – Bühne, Sprache, Ausdruck?

Tatsächlich nicht in einem öffentlichen Theater, sondern im
Schultheater. Da hat mich in der 7. Klasse eine Musiklehrerin gefragt ob ich
nicht in den großen Chor gehen will, obwohl ich noch Unterstufe war, und
irgendwie bin ich dann da reingerutscht. Die haben ein riesiges Projekt
gemacht, das erste Mal wieder Theater an dieser Schule: den Sommernachtstraum.
Ich habe von dem Sommernachtstraum auch gar nicht viel gesehen. Ich habe
einfach diese Atmosphäre in den Probezeiten gespürt. Wie alle zusammengehalten
haben: Das Orchester hat mitgespielt, Sport den Tanz gemacht hat und so war die
ganze Schule irgendwie involviert. Ich saß über der Bühne auf einer Empore. Ich
habe quasi gar nicht mitbekommen was auf der Bühne los war, aber ich habe alles
gehört, die Zuschauer gesehen, den Raum wie er dann immer anders beleuchtet
war. Wir haben 3 oder 4 Vorstellungen gehabt, das weiß ich wirklich noch wie
gestern, wie ich dann immer dazwischen saß und nur gedacht habe: „Das ist soo
cool! Das ist soo cool!“ Es ist so eine krasse Stimmung und es sind so viele
tolle Emotionen die aufkommen. Da habe ich irgendwie gewusst: Das will ich
machen. Und danach bin ich dann ins Schultheater, nicht in den Chor, gegangen
und seitdem hat mich das Ganze nicht mehr losgelassen.

 

Seit über 15 Jahren unterrichtest du Kinder und Jugendliche im
„Dramatischen Gestalten“. Welche Erkenntnisse hast du aus dieser Arbeit
gewonnen, die dich auch beim Schrieben begleiten? 

Ich glaube die Zusammenarbeit mit ganz vielen verschiedenen
Charakteren, die man einfach nicht nur auf der Bühne erlebt, sondern auch wie
sie arbeiten und was sie brauchen. Das hat mich schon sehr darin geprägt Leute
und Handlungen zu analysieren und zu erkennen, wo die Motivationen sind. Und
das ist ein Großteil dessen, was man braucht, wenn man Charaktere erschafft.
Eine wichtige Rolle hat auch mein Mentor gespielt, der kein Lehrer war, sondern
ein Profiregisseur und Musiker. Er hat mir wahnsinnig viele Dinge an Handwerk
beigebracht, von denen ich heute noch profitiere, als Regisseurin und als
Autorin. Ansonsten, ich sage es mit aller Liebe, ist die Arbeit mit den
Theaterkids eine Masterclass in Katastrophen Management, weil man einfach
wirklich lernt ein bisschen mehr Buddha zu sein. Sodas man egal was ist,
einfach eine Selbstsicherheit hat, dass es irgendwie schon gut wird. Wenn das
Backup gerade nicht funktioniert, eine Deadline oder die Selbstzweifel drücken
und immer wieder die Frage aufkommt ‚Schaffst du es oder schaffst du es
nicht?‘, in solchen Momenten profitiere ich natürlich sehr davon.

 

Gibt es ein Projekt oder eine Inszenierung aus deiner Theaterzeit, das
bzw. die dich noch heute innerlich begleitet – vielleicht, weil dir dort etwas
über das Erzählen klar geworden ist?

Das ist zum einen sicherlich der Sommertraum, den ich jetzt auch
fünfmal schon selber inszeniert habe und zum anderen ist es „Posalca – die
Oper“. Vor allem, weil ich parallel zu diesen Projekten immer wieder mit
verschiedenen Leuten über Dinge gesprochen habe. Ganz besonders die Frage: „Mit
dem gehe ich durch diese Geschichte? Also wer ist der eigentliche
Sympathieträger oder nicht Sympathieträger? Wer ist derjenige, bei dem die
Zuschauer einfach ein Interesse haben, wie diese Geschichte ausgeht?“ In einem
Buch hat man ganz oft eben einen Protagonisten oder eine Protagonistin.
Manchmal auch mehrere, aber im Genre Fantasy eher ein bis zwei. Da ist es oft
klarer als im Theater, wo es auch ganz viele Personen geben kann. Manchmal gibt
es auch die eine Hauptrolle, aber nicht immer und dann muss man sich
entscheiden: Was ist die Geschichte, die ich erzählen möchte? Wo liegt der
Schwerpunkt meiner Erzählung? Mein Theaterlehrer hat immer gesagt: „Versuch mal
eine Geschichte auf drei Personen runter zu brechen. Welche drei sind das?
Streich alle raus, alle anderen die du gerade nicht brauchst. Dann hast du den
Schwerpunkt deiner Geschichte.“ Wenn wir jetzt zum Beispiel Harry Potter
nehmen, kann man sagen man bricht es auf die drei Freunde runter, dann hat man
eine Geschichte von Freundschaft. Wenn man es auf Harry, Dumbledore und
Voldemort runterbricht, dann hat man eine „Gut gegen Böse“Sache. Je nachdem wo
man diese Schwerpunkte setzt, weiß man dann mit wem man durch die Geschichte
geht und was man eigentlich erzählen möchte. Das habe ich vor allem gelernt
beim Sommernachtstraum oder mit dem Sommernachtstraum. Immer wieder neu zu
überlegen, wo ich meine Schwerpunkte bei einem Stück setze, das ich so oft
inszeniert habe. Bei der Oper Rusalka habe ich vor allem gelernt wie viel
Licht, Optik und Atmosphäre zu einer Geschichte beitragen können. Rusalka,
praktisch die tschechische Variante von Ariel die kleine Meerjungfrau, ist sehr
mystisch und märchenhaft. Das kann man nicht einfach auf einer leeren Bühne
spielen, also kann man schon aber dann erzählt man halt nicht das Märchen.

 

Im Theater entsteht vieles durch Raum, Licht und Bewegung – im Roman
allein durch Sprache. Wie übersetzt du das Visuelle in die Imagination der
Literatur?

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, diese Aspekte also dieses
Handwerk vom Theater, dass ich das da mitnehme und sage ja das Licht ist
wichtig, weil das Licht eine Stimmung macht. Ich habe sehr lange eben damit
gearbeitet zu sagen, wenn das Licht zwei Grad wärmer ist von der Farbtemperatur
ist, gibt es ein anderes Bild und deswegen ist, wenn ich ein neues Setting oder
so einführe in einem Buch sind es genau diese Aspekte, die ich möglichst zuerst
beschreibe. Also wenn ich sage, ich gehe jetzt in eine Bibliothek rein, dann
sage ich im besten

Falle nicht das sind Regalreihen voller Bücher, weil dann stellen sich
alle Regalreihen voller

Bücher vor und machen im Kopf schon ihr eigenes Licht dazu z.B. dann
ist es halt die Bibliothek in die sie immer gehen. Wenn ich aber als Erstes
sage, es ist irgendwie ein schummriges Licht, in dem die Regale stehen, dann
kommt ein anderes Bild rein. Also was ist der erste Eindruck von einem Raum,
den ich habe den ich mir dann vorstelle ist es vielleicht der Geruch. Wenn ich
reinkomme, was ist das Erste was das ganze diese Stimmung prägt? Ich habe den
Nachteil oder vielleicht auch Vorteil das ich zu einem gewissen Grad Afantasie
habe. Wenn Leute gesagt haben ich sehe immer einen Film, wenn ich ein Buch lese
oder wenn ich ein Buch schreibe, habe ich gesagt jaja ich auch. Weil das für
mich so ganz logisch und selbstverständlich war. Aber ich sehe das eigentlich
gar nicht, ich fühle das. Also, auch wenn ich jetzt sag, stell dir einen roten
Apfel vor. Ich weiß wie, der ausschaut aber ich sehe kein Bild. Ich habe im
Zweifel das Gefühl von einem Apfel. Oder wenn ich ein Haus anschaue und sage
ich möchte das beschreiben dann ist es mir völlig egal, ob das jetzt 3
Fensterreihen sind oder sieben oder sonst was. Aber es geht um das Gefühl, was
ich habe, wenn ich vor diesem Haus stehe. Ist es so ein altes Haus? Schüchtert
es mich ein? Lädt es mich das ein? Was ist der Vibe von dieser Situation? Und
genau das versuche ich halt zu beschreiben. Das heißt, ich schreibe so lange
rum und formuliere solange bis ich beim Lesen diesen Vibe dann spüre und habe
und glaube eingefangen zu haben. Und deswegen sind dann manchmal manche Details
unwichtig und dafür eben Dinge wie das Licht, ein Geruch und ein Eindruck
wichtiger als jetzt die genaue Anzahl der Ziegel und der Dachrinnen oder so.
Und so versuche ich das eigentlich in meinen Büchern auch immer zu übertragen.

 

Wenn du schreibst, denkst du szenisch? Haben deine Kapitel eine Art
Regiebuch in deinem Kopf?

Ja, ich schriebe tatsächlich immer erst die Dialoge. Ich schreibe es
erstmal wie ein Theaterstück oder ein Drehbuch runter. Erst die Dialoge mit
mini Regieanweisungen und danach inszeniere ich quasi noch mal mit Worten in
einem zweiten Durchgang. Das mache ich, weil ich finde das mein Kopf oft zu
schnell ist. Das heißt, ich verliere das Gefühl für die Szene, für das Tempo im
Dialog, für die Charaktere. Ich muss erst voll bei den Charakteren sein und die
Dialoge runterschreiben. Der zweite Durchgang ist dann eher Arbeit, weil ich
schauen muss wie ich den Vibe dieser Szene nochmal in Worte einfangen kann. Ich
mache mir zwar keinen Plan, aber ich denke absolut szenisch.

 

Theater ist Teamarbeit, schreiben meistens einsam. Wie erlebst du
diesen Kontrast zwischen Gemeinschaft auf der Bühne und Alleinsein am
Schreibtisch?

Das ist weniger Kontrast als man denkt, weil man auch im Theater in der
Regieposition allein ist. Man ist derjenige, der die Visionen hat von dieser
Szene. Man muss versuchen es den Leuten quasi zu erklären und es so
rüberbringen, dass sie es genauso spielen wie man es gerne hätte. Aber man ist
immer irgendwie eine Empfangsperson, eine Außen-Vor-Person. Eine Person, die
auch bewertet. Nicht unbedingt in einem Notensystem, aber halt auch mal sagt:
„Ne, das hat es gerade noch nicht getroffen.“ Dadurch ist zwar die
Zusammenarbeit Ich lege Wert drauf, dass die Zusammenarbeit auch menschlich ist
und deswegen kann ich es auch nicht sein lassen. Ich brauche diese
Zusammenarbeit mit Leuten. Aber diese Position als Regisseurin ist irgendwie
auch einsam, weil man eine außen Sicht hat, da ist tatsächlich eine gute
Regieassistenz und Dramaturgin neben sich, die auch diese Außensicht hat, der

Berührungspunkt, damit man nicht so ganz allein ist. Beim Schreiben hat
man genau das auch. Ob man diese Zusammenarbeit direkt schon mit der Lektorin
macht oder ein/zwei Leute hat, die so Kapitelweise mitlesen, das funktioniert
dann auch. Der Unterschied besteht eigentlich eher darin, dass die Bücher
komplett aus meinem Kopf kommen. Und man quasi mehr von sich preisgibt als beim
Inszenieren von bestehenden Stücken.

 

Was siehst du zuerst: Das Gesicht, die Stimme, den Schatten oder ein
Gefühl? 

Auf jeden Fall ein Gefühl, also es ist nicht optisches. Es ist
tatsächlich sogar manchmal ein bisschen egal wie sie letztlich ausschauen. Wenn
ich im Buch dann an einer Stelle bin, wo es wirklich wichtig ist, zu sagen wie
jemand aussieht z.B. Haarfarbe oder Augenfarbe, dann denke ich mir dazu halt
was aus. Meistens etwas das unterschiedlich zur letzten Protagonistin ist oder
das zum Typ passt. Nicht jeder ist der Typ „ich färbe mir meine knallrot“. Das
ist natürlich auch eine Charakterfrage. Aber da geht es mehr um den Vibe der
Person…Das ist wie beim Besetzen von Leuten in Theaterstücken. Oft kamen
künstlerische Betriebsbüros zu mir und haben gesagt: „Okay, wir müssen die
Rolle besetzen. Wie soll derjenige den ausschauen?“ Und ich habe gesagt: „Es
ist mir vollkommen egal wie derjenige ausschaut. Ob der jetzt groß ist oder
klein, blond oder braunhaarig. Der muss den Vibe haben für diese Rolle.“ So
teile ich Menschen auch im realen Leben ein. Ich sehe Typen. Ich teile dann
auch ein und sage ‚das ist jemand der ist dem und dem ähnlich‘ nicht vom
Äußern, aber sie sind die gleichen Charaktert


Deine Figuren sind stark und verletzlich zugleich. Wie gelingt es dir
ihnen eine Tiefe zu verleihen, ohne sie zu idealisieren?

Im besten Fall erschafft man Charaktere mit der richtigen Motivation.
Jeder Charakter, jeder Mensch ist auf eine gewisse Art auf gesellschaftlicher
Anerkennung aus. Was ist der eigentliche Antrieb? Wie möchte man war genommen
werden? Welchen Beruf sucht man sich aus? Möchte man dort nur Geld verdiene, um
seine Familie zu ernähren und so zu Hause der „Held“ zu sein? Oder geht es
darum, wirklich Menschen zu helfen und die Anerkennung dann in Form von
Danksagungen zu bekommen? Diese Art von Anerkennungen, ob von anderen Menschen
oder Situationen abhängig, prägen alle Charaktere. Das macht in der
Charaktergestaltung in den Büchern eine unglaubliche Bandbreite aus. Ich suche
für meine Charaktere zuerst mal das entscheidende Ereignis bzw. den
entscheidenden Antrieb und dann den Zeitpunkt, zu dem es passiert ist. In der
frühen Kindheit schon? Oder, wie bei Velvet, eher erst später? Vielleicht auch
beides, das dann kollidiert. Sie hatte früher einen

Traum und dann ist etwas passiert, was diesem Traum im Weg steht. Das
macht eine kaputte Person in dem Fall aus, weil der eigentliche Traum
zerbrochen ist. Aber wie geht die Person damit um? Je nach Charakter ist es so,
dass man sich entweder zurückzieht oder sich einen dicken Panzer zulegt. Wenn
man von diesen Ursprungspunkten ausgeht und dann immer weiter baut hat man
einen vollständigen Charakter, der eine Tiefe mit sich bringt. Ob die
Charaktere das jetzt wissen ist so eine Frage. Manchmal ist es ihnen bewusst
und manchmal ist es ihnen nicht bewusst. Aber beim Schreiben muss es dem Autor
immer bewusst sein, auch wenn man es nicht die ganze Zeit betont, haben diese
Charaktere eine

Hintergrundgeschichte. Und diese sorgt logischerweise dafür, dass sie
sagen, was sie sagen und reagieren, wie sie reagieren. Das macht dann dieses
Gefühl von Tiefe aus.


Hast du schon Fan-Art gesehen, die dich überrascht oder berührt hat,
vielleicht, weil sie etwas gezeigt hat, das dir selbst entgangen war?

Ja, ganz viel. Ich bekomme natürlich ganz viel Fan-Art, die mich immer
berührt. Weil es in dem Moment bedeutet, dass mein Buch meine Lesenden so
beschäftigt, dass sie sich irgendwie ausdrücken wollen bzw. müssen. Ob das
jetzt was Gestricktes, Gesticktes, Gehäkeltes, Gemaltes oder Gesungenes ist,
das ist vollkommen egal. Manchmal bekommt man darüber auch ganz neue Einblicke.
Denn ich habe nicht unbedingt von allem immer ein ganz konkretes Bild, sondern
nur den Vibe dazu und wenn ich dann sehe was die Leute in ihren Köpfen
eigentlich sehen, ist das immer super spannend. Letztlich ist eine Geschichte
ein Medium, wie ein USB-Stick. Ich packe Informationen darauf und formatiere
diese so, dass ich hoffe, es kommt bei dem Lesenden genauso an. Das
funktioniert natürlich nur, wenn das gegenüber quasi kompatibel ist. Wenn das
Buch jetzt jemand liest, der die Welt ganz anders sieht, wird er die Geschichte
ganz anders interpretieren. Ich kann nur hoffen, dass meine Bilder bei den
Anderen aufgehen. Deswegen kann ich nicht zu detailliert Dinge beschrieben,
weil man immer etwas offen lassen muss für die Interpretation der Anderen. Und
wenn man da mal einen Einblick bekommt, ist das sehr interessant.

 

Denkst du manchmal in filmischen Sequenzen, wenn du schreibst – als
würde eine Kamera deinen Figuren folgen?

Öfter als mir lieb ist, weil man diese Sequenzen manchmal nicht im
literarischen Werk umsetzen kann. Aber ich versuche es immer wieder. Es gibt so
filmische Elemente wie Splitscreen, die kann man nicht wirklich im Buch
beschrieben. Zumindest nicht aus der IchPerspektive heraus in der ich schreibe.
Das macht es manchmal schwieriger, weil ich Bilder im Kopf habe, die ich so
nicht beschreiben oder übertragen kann.

 

Velvet Falls, but the Gods forgot to die – schon der Titel klingt nach
Tragödie, Mythos und Schicksal. Was war der erste Funke dieser Geschichte?

Es gab tatsächlich zwei: Ich versuche in meinen Fantasy Geschichten
immer irgendwelche Aspekte speziell zu beleuchten und die in irgendeiner Form
zu begründen. Ob das jetzt bei einem Totenreich ist, dass ich überlege, warum
alle Mythologien, die die Menschen dazu haben so ähnlich sind. Es gibt immer
einen Fluss oder einen Ort des Vergessens und das versuche ich dann
zusammenzubringen auf eine Basis den Ursprung für all diese Mythen hätte sein
können. Oder bei der Izara Reihe alles, was so weltgeschichtlich passiert ist
einmal anders zu begründen. Bei Velvet saß ich da und dachte: Ich möchte
eigentlich mal überlegen und durchdenken, wie es zum Patriarchat und zur
männlich geprägten monotheistischen Welt hätte kommen können, wenn man es
versucht mal fantastisch zu erklären. Dann bin ich relativ schnell darauf
gekommen, dass es einen Punkt gab, wo es gewechselt ist von Polytheismus zu
Monotheismus, was gleichzeitig das Patriarchat befeuerte. Ich habe mir gedacht:
Was wäre, wenn es ein Urkonzept gäbe zwischen Yin und Yang, zwischen einer
Urgöttin und dem Urgott. Es geht bei allem um die Balance zwischen den beiden.
Sagt man jetzt, diese Urgöttin ist verband worden. Im Alltag ist es heute so
ähnlich: Früher hatte Mutter Natur eine sehr präsente Rolle, die heute zum
Beispiel im Christentum verschwunden ist. Was wäre also, wenn die Urgöttin
tatsächlich einfach eingesperrt worden wäre von den Antagonisten und das ist
der Grund ist, dass der Polytheismus und Magie verschwunden sind. Deswegen über
Jahre hinweg einfach alles dahingehend geprägt wurde, dass die Balance gestört
ist. Von den Antagonisten wurde gegen die Balance gepuscht, also

Unterdrückung der Weiblichkeit und Förderung des Patriarchats um die
Balance möglichst zu stören. Das war dann der Ausgangspunkt, an dem ich mir
dachte: Wenn diese Urgöttin jetzt quasi befreit werden würde und zurückkehrt,
wie würde sich die Gesellschaft verändern? Was würde passieren, wenn die Magie
zurückkehrt? Wenn es wieder neue Götter gäbe? Das war dann der erste
Grundgedanke für Velve. Der zweite Grundgedanke betrifft das Beziehungsmodell
zwischen Kashmere und Velvet. Eigentlich ist Second Chance ein Thema wo ich
nicht so ganz zu Hause bin. Aber es gab in einer Serie („The Sandmann“) eine
Szene wo der Gott der Träume auf seine Exfrau trifft und die beiden so viel
Gepäck haben, dass es in diesem Moment unfassbar geknistert hat. Die beiden
hatten eine schlimme Vorgeschichte, sie haben sich Jahrhunderte lang nicht
gesehen und sie musste ihn um Hilfe bitten. Dieser

Moment hat mich überlegen lassen, vielleicht doch einmal Second Chance
zu schreiben.

 

Der Sternenfall, das Erwachen der Götter, der Virus – die Welt von
Velvet wirkt modern und mythologisch zugleich. Welcher reale Gedanke oder
Ängste flossen in diese Welt? 

Das war zum einen: Was wäre, wenn das Patriarchat nicht mehr existent
wäre? Natürlich ist das in unserer Welt ein großes Thema, ein sehr präsentes
Thema. Ich glaube, wir haben alle noch nicht vollständig erfassen bzw.
verstehen können wie sehr uns das von klein auf eigentlich alle prägt. Da habe
ich mich beim schrieben immer wieder selber ertappt, wie ich einen Gedanken
formulieren wollte, der in dieser neuen Welt überhaupt nichts zu suchen hat,
wenn ich sage, dass es kein Patriarchat mehr gibt. Der andere Gedanke gilt dem
Trauma, das Velvet mit sich rumschleppt, das einfach meiner Meinung nach noch
zu wenig präsent ist dafür, dass es so vielen Frauen passiert ist. Dieses
Gefühl zu geben von du bist eigentlich nicht alleine. Es ist okay darüber zu
reden, aber es ist auch okay nicht darüber zu reden. Dahingehend habe ich jetzt
auch schon ganz viele Rückmeldungen bekommen von Leserinnen, die genau das
durchgemacht haben, und die fanden es großartig zu sehen, dass sie nicht falsch
sind nur, weil sie jetzt gerade nicht drüber reden wollen, sondern sich da so
verstanden fühlen in diesem „Velvet blockt ab, weil sie sonst Angst hat zu
zerbrechen“. Das sind also zwei ganz krass reale Themen die mit eingeflossen
sind.

 

Wie sehr war Band 2 schon in deinem Kopf, während du den ersten
geschrieben hast?

Ich muss das Ende eines Buches bzw. einer Geschichte wissen um zu
wissen was für eine Geschichte bzw. Entwicklung ich erzähle. Wenn die
Protagonistin am Anfang an Punkt A und am Ende an Punkt B steht, hat sie eine
Entwicklung gemacht. Wenn sie am Ende noch bei Punkt A ist, dann ist es keine
Geschichte. Das heißt es ist unerlässlich, dass ich weiß, was verändert sich in
ihr und welchen Weg legt sie zurück. Deswegen muss ich das Ende kennen, eben
auch das Ende der Reihe. Dazwischen sind ganz viele Sachen offen, die ich jetzt
auch noch nicht weiß, aber das Ende von Band 1 war am Anfang schon da und das
Ende von Band 2 steht schon fest.

 

Wenn du Velvet als Theaterstück inszenieren würdest welche Szene würde
das Publikum zuerst sehen? 

Genau die Szene, die es auch im Buch ist, genau dieser szenische
Einstieg. Direkt in die Handlung zu gehen und zu sagen man zeigt sie quasi in
einem Kampf, weil es sie sehr charakterisiert.

 

Würdest du sagen, die visuelle Vorstellungskraft ist ein eigener
künstlerischer Akt, der genauso vielschichtig ist wie das Schreiben
selbst? 

Ja, zu einem gewissen Grad. Es muss nicht super detailliert und
vielleicht nicht visuell umfassend genug sein, weil da noch die emotionale
Ebene fehlt, aber es ist trotzdem ein eigenes Konstrukt. Es sind also zwei
unterschiedliche Talente: Es gibt Leute, die können sich Dinge ganz toll
vorstellen und es in einem Gespräch ganz gut erklären, aber nicht zwangsläufig
in einen Text kriegen. Ich bin auch niemand der sagt meine Texte sind
großartig, unantastbar und literarisch. Weil es mir auch bei dem Bearbeiten nicht
darum geht den besten literarischen Text zu liefern, sondern die beste Variante
zu liefern um diese Bilder, die ich habe oder dieses Gefühl, das ich empfinde
zu transportieren. Es sind also eigentlich zwei unterschiedliche Talente, die
sich im besten Fall ergänzen.

 

Wenn eine KI deine Figuren zeichnen würde, nur basierend auf deinen
Texten – würde dich das faszinieren oder befremden?

Ich glaube, ich hätte eine gewisse Neugier was in meinen Texten an
Merkmalen vorhanden ist, die sich eine KI raussucht, um den Charakter zu
kreieren. Einfach Neugier darauf wie visuell ich den wirklich beschreibe oder
wie eine KI eine Ausstrahlungskomponente übersetzen würde. Also macht es mich
neugierig, aber würde mich jetzt auch nicht unbedingt interessieren. Denn es
kommen bei KI oft „schöne“ Bilder raus, die aber hohl sind. Die nicht die
genaue Emotionalität tragen. Künstler, die das können, sind sehr rar gesät. Es
dauert noch lang bis eine KI diesen Aspekt mit übersetzen kann.

 

Wie verändert sich Kreativität mit dem Alter – wird sie tiefer,
strukturierter oder verliert sie an Unmittelbarkeit?

Es ist, glaube ich ganz unterschiedlich. Also wir alle haben als Kinder
eine unheimlich unbegrenzte Fantasie, die sich erstmal durch die Pubertät
limitiert. Durch das Wissen: Da sind andere, die das bewerten, was ich mache.
Dann entstehen die Gedanken: Finden andere das gut was ich mir ausdenke?
Inwieweit fällt das auf mich zurück? Verliere ich dann an Wert bzw. Ansehen,
weil ich bewertet werde durch meine Ideen oder nicht? Manche können sich ihre
Kreativität behalten, andere nicht. Man kann es aber auch wieder erlernen, kann
versuchen seine Gedanken wieder freier zu machen, aber es bleibt auch dann
einen Hauch analytischer im Alter. Dafür startet man dann von einer anderen
Seite in die Kreativität. Es ist vielleicht nicht immer nur das optische, das
einen inspirieren kann. Ich wäre sicher vor zwanzig Jahren nicht an den Punkt
gekommen mich von so einer Patriarchat-FeminismusIdee für einen Fantasyroman
inspirieren zu lassen. Das ist ein vielleicht ganz anderer Ansatz, aber
trotzdem auch eine Art von Kreativität. Es entwickelt sich auf jeden Fall, aber
es entwickelt sich auch bei jedem Menschen anders.

 

Hast du beim Schreiben manchmal das Gefühl, wieder Kind zu sein –
voller Staunen, frei von Logik, ganz im Spiel?

 Ja, aber seltener als ich mir
wünschen würde, weil ich schon auch immer merke, dass mein Kopf manchmal Dinge
limitiert. Aber wenn ich mich immer wieder dran erinnere oder mir so eine
spannende Idee kommt, kommt dieses Gefühl dann schon oft in mir hoch.

 

Gibt es einen Charakter, der die beim Schreiben besonders ans Herz
gewachsen ist oder der dich überrascht hat?

Die meisten Charaktere wachsen mir wahnsinnig ans Herz, gerade wenn sie
eine eigene Geschichte haben. Auch wenn diese Geschichte im Buch keinen Platz
hat, aber ich denke sie mir ja trotzdem aus. Das sind zum Teil die
Protagonistinnen und ihre Love Interests, aber auch die Nabenfiguren, die
entweder eine kindliche Naivität mitbringen oder moralisch grau sind. Sie sind
der Antagonist, aber man versteht genau warum sie diese Entscheidungen treffen.
Das sind die an denen man am nächsten mit dran ist. Es gibt auch ein paar die
eine Funktion erfüllen. Ich versuche meist auch denen eine Geschichte zu geben,
aber manchmal hat das auch einfach keinen Platz im Buch. Überrascht bin ich
manchmal schon von meinen Figuren. Aber nicht, weil ihr Handeln nicht logisch
war, sondern ich es nicht auf dem Schirm hatte. So jemand wie bei Belial:
Manchmal gibt es so Szenen wo er dabei ist und wo ich während ich diese Szene
schreibe plötzlich merke: „Moment mal, wenn der dabei ist, der kann da nicht
die Klappe halten, der muss irgendwie intervenieren.“ Und so entstehen
irgendwie lustige Momente, die nicht unbedingt geplant waren.

 

Viele deiner Geschichten behandeln tiefgründige Themen. Welche Message
ist dir beim Schreiben besonders wichtig?

Das es eine Massage gibt. Ich bemühe mich die unterschiedlichsten
Menschen mit meiner Geschichte abzuholen. Die Menschen, die nur unterhalten
werden wollen, werden nur unterhalten. Die Leute, die ein bisschen mehr
durchdenken bzw. die erschaffene Welt logisch betrachten wollen, bekommen
diesen intellektuelleren Schwung mit und meistens eine Aussage. Diese kann ganz
vielschichtig sein. Ich habe zum Beispiel eine Reihe geschrieben, bei der es
mir wichtig war zu erzählen, dass nicht immer die Protagonisten diejenigen
sind,

die alles überleben, währen alle anderen den Preis zahlen, sondern das
auch die Protagonisten mal einen Preis zahlen müssen.

 

Gibt es politische, soziale oder ethische Fragen, die du durch deine
Romane verarbeitest?

Immer, aber meist ein bisschen versteckter. Es gibt natürlich einige
solcher Fragen: Wie sind die Welten dort aufgebaut? Geht es um eine soziale
Trennung zwischen verschiedenen Schichten, weil die einen mehr
gesellschaftlichen Wert haben als die anderen? Wer macht Geld mit wem? Oder
jetzt explizit bei Velvet: Was sind die eigentlichen Konzepte dich sich heute
zu neuen Göttern formen würden? Da habe ich sehr lange dran gesessen und
überlegt.

Wen wir beim Polytheismus sind, was wären die drei mächtigsten Götter
bei uns heute?

Diese Frage nach dem Punkt, an dem unsere Gesellschaft auf sozialer
Ebene gerade steht, ist immer ein großer Teil meines Worldbuilding. Bei den
drei Pfeilern unserer heutigen Gesellschaft ist es auf der einen Seite
Kapitalismus bzw. einfach Geld, dann KI bzw. Algorithmen, die eine wahnsinnige
macht haben und zuletzt so eine Sinnsuche, weil alle irgendwie nach dem Sinn
ihres Lebens suchen. In Kombination sind sie die stärksten Elemente unserer
heutigen Welt. Deswegen stehen an ihrer Stelle auch die drei mächtigsten

Götter in Velvet.

 

Deine Bücher vereinen Theater, Philosophie, Emotionen und Fantasie.
Gibt es eine Botschaft, die du jungen Leser*innen mitgeben möchtest, die selbst
schreiben oder träumen möchten?

Mach halt! Das ist ein Satz, den ich so mitbekommen habe von meinem
Mentor damals. Er ist so gefühlt unhöflich formuliert, aber es war völlig
unabhängig davon mit was für einer Idee ich zu ihm gekommen bin und gesagt
habe, das Erste, was er immer gesagt hat, war: „Mach halt.“ Das hat mir alles
eröffnet, weil es nicht von außen eingeschränkt wurde. Es hat auf den Punkt
gebracht, dass wenn du genug Energie hast, also dir diese Idee genug Energie
gibt, das durchzuziehen, dann ist diese Idee gut. Die meisten haben schreiben
in der Schule gelernt. Sie denken, es ist alles worum es beim Bücher schreiben
geht und man könnte doch einfach mal so ein Buch schreiben. Aber das ist super
viel Arbeit, es geht nicht nur darum, ob jemand Talent hat. Jemand muss das
Feuer haben, diese Geschichte erzählen zu wollen. Wenn mir jemand sagt, er
möchte ein Buch schreiben, dann sage ich: „Mach halt!“ Weil es nicht drum geht
ob die Idee gut ist oder nicht, sondern darum, ob die Person genug Feuer hat um
das durchzuziehen. Wenn dem so ist, dann wird es gut werden. Die
Grundmotivation muss stimmen, wie bei allem im Leben.

 

Was bedeutet Erfolg für dich – Resonanz, Erfüllung, Freiheit oder
einfach, dass eine Geschichte das Herz eines anderen berührt?

All das in Kombination. Was ich nicht unbedingt brauche, ist eine große
Resonanz in der Öffentlichkeit. Das ist nur leider für das Marketing nicht
unwichtig. Dafür das man mehr Leute erreichen und weiterschreiben kann. Aber
das ist nichts, was ich persönlich brauche. Für mich ist schreiben absolute
Freiheit: Schreiben zu können was ich gerade möchte, Projekte zu machen, an
denen mein Herz hängt und das Ganze nicht als Brotjob sehen zu müssen.
Gleichzeitig ist es unheimlich toll Menschen zu bewegen. Menschen eine Zeit zu
geben, wo sie abschalten können. Sie einfach nur diese Geschichten lesen oder
leben können. Ein Rückzugsort zu erschaffen, an dem sich die Leser zu Hause
fühlen. Abgeholt aus ihrem Leben und verstanden sowie geborgen. Das ist mehr
als ich zu träumen gewagt habe. Ich dachte immer, für mich reicht es, wenn ein
paar Leute die Geschichten toll finden, aber jetzt wirklich damit Leben
verändern zu können, das war nicht auf meinem Schirm. Das gibt mir natürlich
unglaublich viel und ist somit der größte Erfolg, den man haben kann.

 

Wenn du in die Zukunft blickst – was erwartet dich? Eine Bühne, eine
neue Buchreihe, vielleicht ein Filmprojekt?

Im besten Fall alles. Es ist kein Filmprojekt geplant, aber ich möchte
nichts davon hergeben. Ich möchte weiterhin Geschichten auf der Bühne erzählen.
Ich möchte meine Bücher schreiben. Im Zweifel auch neue Dinge entdecken, das
vielleicht kombinieren. Es gibt verschieden Möglichkeiten wie man Medien
kombinieren kann. Vielleicht neue Wege zu finden Geschichten zu erzählen.
Vielleicht auch mal was ganz anderes zu machen, z.B. eine Geschichte für ein
Game zu entwickeln. Die Technik entwickelt sich weiter, es gibt immer mehr
Möglichkeiten eine Geschichte zu erleben, z.B. über Virtual Reality. Bei sowas
mit zu arbeiten könnte ich mir auch vorstellen. Ich möchte einfach Geschichten
erzählen und das in allen Varianten, die möglich sind. Gerne auch im Wandel mit
immer wieder neuem Input.

 

Was siehst du zuerst: Das Gesicht, die Stimme, den Schatten oder ein
Gefühl? 

Auf jeden Fall ein Gefühl, also es ist nicht optisches. Es ist
tatsächlich sogar manchmal ein bisschen egal wie sie letztlich ausschauen. Wenn
ich im Buch dann an einer Stelle bin, wo es wirklich wichtig ist, zu sagen wie
jemand aussieht z.B. Haarfarbe oder Augenfarbe, dann denke ich mir dazu halt
was aus. Meistens etwas das unterschiedlich zur letzten Protagonistin ist oder
das zum Typ passt. Nicht jeder ist der Typ „ich färbe mir meine knallrot“. Das
ist natürlich auch eine Charakterfrage. Aber da geht es mehr um den Vibe der
Person…Das ist wie beim Besetzen von Leuten in Theaterstücken. Oft kamen
künstlerische Betriebsbüros zu mir und haben gesagt: „Okay, wir müssen die
Rolle besetzen. Wie soll derjenige den ausschauen?“ Und ich habe gesagt: „Es
ist mir vollkommen egal wie derjenige ausschaut. Ob der jetzt groß ist oder
klein, blond oder braunhaarig. Der muss den Vibe haben für diese Rolle.“ So
teile ich Menschen auch im realen Leben ein. Ich sehe Typen. Ich teile dann
auch ein und sage ‚das ist jemand der ist dem und dem ähnlich‘ nicht vom
Äußern, aber sie sind die gleichen Charaktertypen.

 

Deine Figuren sind stark und verletzlich zugleich. Wie gelingt es dir
ihnen eine Tiefe zu verleihen, ohne sie zu idealisieren?

Im besten Fall erschafft man Charaktere mit der richtigen Motivation.
Jeder Charakter, jeder Mensch ist auf eine gewisse Art auf gesellschaftlicher
Anerkennung aus. Was ist der eigentliche Antrieb? Wie möchte man war genommen
werden? Welchen Beruf sucht man sich aus? Möchte man dort nur Geld verdiene, um
seine Familie zu ernähren und so zu Hause der „Held“ zu sein? Oder geht es
darum, wirklich Menschen zu helfen und die Anerkennung dann in Form von
Danksagungen zu bekommen? Diese Art von Anerkennungen, ob von anderen Menschen
oder Situationen abhängig, prägen alle Charaktere. Das macht in der
Charaktergestaltung in den Büchern eine unglaubliche Bandbreite aus. Ich suche
für meine Charaktere zuerst mal das entscheidende Ereignis bzw. Den
entscheidenden Antrieb und dann den Zeitpunkt, zu dem es passiert ist. In der
frühen Kindheit schon? Oder, wie bei Velvet, eher erst später? Vielleicht auch
beides, das dann kollidiert. Sie hatte früher einen Traum und dann ist etwas
passiert, was diesem Traum im Weg steht. Das macht eine kaputte Person in dem
Fall aus, weil der eigentliche Traum zerbrochen ist. Aber wie geht die Person
damit um? Je nach Charakter ist es so, dass man sich entweder zurückzieht oder
sich einen dicken Panzer zulegt. Wenn man von diesen Ursprungspunkten ausgeht
und dann immer weiter baut hat man einen vollständigen Charakter, der eine
Tiefe mit sich bringt. Ob die Charaktere das jetzt wissen ist so eine Frage.
Manchmal ist es ihnen bewusst und manchmal ist es ihnen nicht bewusst. Aber
beim Schreiben muss es dem Autor immer bewusst sein, auch wenn man es nicht die
ganze Zeit betont, haben diese Charaktere eine  Hintergrundgeschichte. Und diese sorgt
logischerweise dafür, dass sie sagen, was sie sagen und reagieren, wie sie
reagieren. Das macht dann dieses Gefühl von Tiefe aus.

 

Hast du schon Fan-Art gesehen, die dich überrascht oder berührt hat,
vielleicht, weil sie etwas gezeigt hat, das dir selbst entgangen war?

Ja, ganz viel. Ich bekomme natürlich ganz viel Fan-Art, die mich immer
berührt. Weil es in dem Moment bedeutet, dass mein Buch meine Lesenden so
beschäftigt, dass sie sich irgendwie ausdrücken wollen bzw. Müssen. Ob das
jetzt was Gestricktes, Gesticktes, Gehäkeltes, Gemaltes oder Gesungenes ist,
das ist vollkommen egal. Manchmal bekommt man darüber auch ganz neue Einblicke.
Denn ich habe nicht unbedingt von allem immer ein ganz konkretes Bild, sondern
nur den Vibe dazu und wenn ich dann sehe was die Leute in ihren Köpfen
eigentlich sehen, ist das immer super spannend. Letztlich ist eine Geschichte
ein Medium, wie ein USB-Stick. Ich packe Informationen darauf und formatiere
diese so, dass ich hoffe, es kommt bei dem Lesenden genauso an. Das
funktioniert natürlich nur, wenn das gegenüber quasi kompatibel ist. Wenn das
Buch jetzt jemand liest, der die Welt ganz anders sieht, wird er die Geschichte
ganz anders interpretieren. Ich kann nur hoffen, dass meine Bilder bei den
Anderen aufgehen. Deswegen kann ich nicht zu detailliert Dinge beschrieben,
weil man immer etwas offen lassen muss für die Interpretation der Anderen. Und
wenn man da mal einen Einblick bekommt, ist das sehr interessant.

 

Denkst du manchmal in filmischen Sequenzen, wenn du schreibst – als
würde eine Kamera deinen Figuren folgen?

Öfter als mir lieb ist, weil man diese Sequenzen manchmal nicht im
literarischen Werk umsetzen kann. Aber ich versuche es immer wieder. Es gibt so
filmische Elemente wie Splitscreen, die kann man nicht wirklich im Buch
beschrieben. Zumindest nicht aus der IchPerspektive heraus in der ich schreibe.
Das macht es manchmal schwieriger, weil ich Bilder im Kopf habe, die ich so
nicht beschreiben oder übertragen kann.

 

Velvet Falls, but the Gods forgot to die – schon der Titel klingt nach
Tragödie, Mythos und Schicksal. Was war der erste Funke dieser Geschichte?

Es gab tatsächlich zwei: Ich versuche in meinen Fantasy Geschichten
immer irgendwelche Aspekte speziell zu beleuchten und die in irgendeiner Form
zu begründen. Ob das jetzt bei einem Totenreich ist, dass ich überlege, warum
alle Mythologien, die die Menschen dazu haben so ähnlich sind. Es gibt immer
einen Fluss oder einen Ort des Vergessens und das versuche ich dann
zusammenzubringen auf eine Basis den Ursprung für all diese Mythen hätte sein
können. Oder bei der Izara Reihe alles, was so weltgeschichtlich passiert ist
einmal anders zu begründen. Bei Velvet saß ich da und dachte: Ich möchte
eigentlich mal überlegen und durchdenken, wie es zum Patriarchat und zur
männlich geprägten monotheistischen Welt hätte kommen können, wenn man es
versucht mal fantastisch zu erklären. Dann bin ich relativ schnell darauf
gekommen, dass es einen Punkt gab, wo es gewechselt ist von Polytheismus zu
Monotheismus, was gleichzeitig das Patriarchat befeuerte. Ich habe mir gedacht:
Was wäre, wenn es ein Urkonzept gäbe zwischen Yin und Yang, zwischen einer
Urgöttin und dem Urgott. Es geht bei allem um die Balance zwischen den beiden.
Sagt man jetzt, diese Urgöttin ist verband worden. Im Alltag ist es heute so
ähnlich: Früher hatte Mutter Natur eine sehr präsente Rolle, die heute zum
Beispiel im Christentum verschwunden ist. Was wäre also, wenn die Urgöttin
tatsächlich einfach eingesperrt worden wäre von den Antagonisten und das ist
der Grund ist, dass der Polytheismus und Magie verschwunden sind. Deswegen über
Jahre hinweg einfach alles dahingehend geprägt wurde, dass die Balance gestört
ist. Von den Antagonisten wurde gegen die Balance gepuscht, also

Unterdrückung der Weiblichkeit und Förderung des Patriarchats um die
Balance möglichst zu stören. Das war dann der Ausgangspunkt, an dem ich mir
dachte: Wenn diese Urgöttin jetzt quasi befreit werden würde und zurückkehrt,
wie würde sich die Gesellschaft verändern? Was würde passieren, wenn die Magie
zurückkehrt? Wenn es wieder neue Götter gäbe? Das war dann der erste
Grundgedanke für Velve. Der zweite Grundgedanke betrifft das Beziehungsmodell
zwischen Kashmere und Velvet. Eigentlich ist Second Chance ein Thema wo ich
nicht so ganz zu Hause bin. Aber es gab in einer Serie („The Sandmann“) eine
Szene wo der Gott der Träume auf seine Exfrau trifft und die beiden so viel
Gepäck haben, dass es in diesem Moment unfassbar geknistert hat. Die beiden
hatten eine schlimme Vorgeschichte, sie haben sich Jahrhunderte lang nicht
gesehen und sie musste ihn um Hilfe bitten. Dieser

Moment hat mich überlegen lassen, vielleicht doch einmal Second Chance
zu schreiben.

 

Der Sternenfall, das Erwachen der Götter, der Virus – die Welt von
Velvet wirkt modern und mythologisch zugleich. Welcher reale Gedanke oder
Ängste flossen in diese Welt? 

Das war zum einen: Was wäre, wenn das Patriarchat nicht mehr existent
wäre? Natürlich ist das in unserer Welt ein großes Thema, ein sehr präsentes
Thema. Ich glaube, wir haben alle noch nicht vollständig erfassen bzw.
Verstehen können wie sehr uns das von klein auf eigentlich alle prägt. Da habe
ich mich beim schrieben immer wieder selber ertappt, wie ich einen Gedanken
formulieren wollte, der in dieser neuen Welt überhaupt nichts zu suchen hat,
wenn ich sage, dass es kein Patriarchat mehr gibt. Der andere Gedanke gilt dem
Trauma, das Velvet mit sich rumschleppt, das einfach meiner Meinung nach noch
zu wenig präsent ist dafür, dass es so vielen Frauen passiert ist. Dieses
Gefühl zu geben von du bist eigentlich nicht alleine. Es ist okay darüber zu
reden, aber es ist auch okay nicht darüber zu reden. Dahingehend habe ich jetzt
auch schon ganz viele Rückmeldungen bekommen von Leserinnen, die genau das
durchgemacht haben, und die fanden es großartig zu sehen, dass sie nicht falsch
sind nur, weil sie jetzt gerade nicht drüber reden wollen, sondern sich da so
verstanden fühlen in diesem „Velvet blockt ab, weil sie sonst Angst hat zu
zerbrechen“. Das sind also zwei ganz krass reale Themen die mit eingeflossen
sind.

 

Wie sehr war Band 2 schon in deinem Kopf, während du den ersten
geschrieben hast?

Ich muss das Ende eines Buches bzw. einer Geschichte wissen um zu
wissen was für eine Geschichte bzw. Entwicklung ich erzähle. Wenn die
Protagonistin am Anfang an Punkt A und am Ende an Punkt B steht, hat sie eine
Entwicklung gemacht. Wenn sie am Ende noch bei Punkt A ist, dann ist es keine
Geschichte. Das heißt es ist unerlässlich, dass ich weiß, was verändert sich in
ihr und welchen Weg legt sie zurück. Deswegen muss ich das Ende kennen, eben
auch das Ende der Reihe. Dazwischen sind ganz viele Sachen offen, die ich jetzt
auch noch nicht weiß, aber das Ende von Band 1 war am Anfang schon da und das
Ende von Band 2 steht schon fest.

 

Wenn du Velvet als Theaterstück inszenieren würdest welche Szene würde
das Publikum zuerst sehen? 

Genau die Szene, die es auch im Buch ist, genau dieser szenische
Einstieg. Direkt in die Handlung zu gehen und zu sagen man zeigt sie quasi in
einem Kampf, weil es sie sehr charakterisiert.

 

Würdest du sagen, die visuelle Vorstellungskraft ist ein eigener
künstlerischer Akt, der genauso vielschichtig ist wie das Schreiben
selbst? 

Ja, zu einem gewissen Grad. Es muss nicht super detailliert und
vielleicht nicht visuell umfassend genug sein, weil da noch die emotionale
Ebene fehlt, aber es ist trotzdem ein eigenes Konstrukt. Es sind also zwei
unterschiedliche Talente: Es gibt Leute, die können sich Dinge ganz toll
vorstellen und es in einem Gespräch ganz gut erklären, aber nicht zwangsläufig
in einen Text kriegen. Ich bin auch niemand der sagt meine Texte sind
großartig, unantastbar und literarisch. Weil es mir auch bei dem Bearbeiten nicht
darum geht den besten literarischen Text zu liefern, sondern die beste Variante
zu liefern um diese Bilder, die ich habe oder dieses Gefühl, das ich empfinde
zu transportieren. Es sind also eigentlich zwei unterschiedliche Talente, die
sich im besten Fall ergänzen.

 

Wenn eine KI deine Figuren zeichnen würde, nur basierend auf deinen
Texten – würde dich das faszinieren oder befremden?

Ich glaube, ich hätte eine gewisse Neugier was in meinen Texten an
Merkmalen vorhanden ist, die sich eine KI raussucht, um den Charakter zu
kreieren. Einfach Neugier darauf wie visuell ich den wirklich beschreibe oder
wie eine KI eine Ausstrahlungskomponente übersetzen würde. Also macht es mich
neugierig, aber würde mich jetzt auch nicht unbedingt interessieren. Denn es
kommen bei KI oft „schöne“ Bilder raus, die aber hohl sind. Die nicht die
genaue Emotionalität tragen. Künstler, die das können, sind sehr rar gesät. Es
dauert noch lang bis eine KI diesen Aspekt mit übersetzen kann.

Wie verändert sich Kreativität mit dem Alter – wird sie tiefer,
strukturierter oder verliert sie an Unmittelbarkeit?
 

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